Spy Groove und die Nuller Jahre

spygroove1Kann sich noch irgendjemand an Spy Groove erinnern!? Ja genau, dieses sinnfreie Glamour-Spionage-Cartoon mit Agent Nummer Eins und Agent Nummer zwei, in das man in den frühen Nuller Jahren geraten konnte, wenn man abends gegen 22 Uhr auf MTV hängen blieb. Das war die Zeit von MTV Sushi mit Stefan Kretzschmar, die Zeit von Christian Ulmen und die ersten Jahre von South Park. Die Zeit, in der der eigene Fernseher im Zimmer Freiheit versprach.

Alle der dreizehn 20-minütigen Episoden sind gleich aufgebaut. Agent No° 1 und Agent No° 2 sitzen in der hippen Maxi-Bar und vertreiben sich mit sinnlosem Gossip oder dem Austesten der neuesten Spy-Gadgets die Zeit bis zu ihrem neuen Auftrag. Der kommt prompt von ihrer afro-amerikanischen sex-bombigen Chefin Helena Troy („She’s a brick house. She’s mighty mighty.“), die ihnen als Hologramm, etwa auf der Oberfläche eines Cosmopolitan, erscheint. Bösewichte aus allen drei Geschlechtern wollen die Welt oder Teile davon erobern, zerstören oder beides zugleich. Agent No° 1 und Agent No° 2 werden zum Gefahrenherd geschickt, wo ihnen leicht bekleidete Sex-Göttinen mit überdurchschnittlichen Fähigkeiten aus der Patsche helfen, in die sie zuverlässig geraten. Irgendwas Heroisches dürfen Agent No° 1 und Agent No° 2 dann doch meistens noch machen, bevor der Fall gelöst ist und Helena mit Hilfe ihres kastenförmigen Bodyguards die gescheiterten Welteroberer einfängt.

Kastenförmige Schlägertypen, absurd geshapte Sex-Göttinnen, zum Brüllen karikierte Promis – das sind einige der Figurentypen, die in dem von Michael Gans und Richard Register geschriebenen und vom kanadischen Designer Glen Hanson gezeichneten Meisterwerk der späten Fernsehkunst. Die Fantasie, mit der hier eine aus Klischee-Exzessen geformte Welt geschaffen wurde, ist überbordend. Juwelen unter den Figuren sind natürlich der herrlich promiske Mister Fish; der brasilianische Kaffeeplantagenbesitzer Leo Macho Grande (Helena Troy: „That’s a hell of a Crappuccino!“) und der französische Champagner-Magnat Marquis de Guy, der immer einen Schuh in der Hand hält, aus dem sich Schampus trinken lässt und zur Eroberung des internationalen Schaumwein-Markts die zwei Fledermäuse Adam und Eve miteinander kopulieren lassen muss. Aber natürlich auch die schicken Helferinnen von Agent No° 1 und Agent No° 2, allen voran Bunny von Schnickele aus Schwitzerländ.

880151Um Gender-Korrektheit und Vermeidung von Klischees kümmert sich hier keiner, vielmehr scheint es darum zu gehen, alle auch nur möglichen Klischees als Feuerwerk nacheinander abzuzünden. Die Bösewichte sind alle Arten von Ausländern: Franzosen, Russen, Mexikaner, Brasilianer, Kalifornier und vor allem: Engländer. In der ersten Episode gibt es eine kurze Szene, die das dramatische Grundprinzip der ganzen Serie, zusammenfasst. Auf der Schiffsparty des urbösen Mister Fish gönnt sich Agent No° 2 eine Pause bei Mondschein. Die Stimme des Erzählers setzt ein: „Agent No° 1 stares at the open sea. Suddenly, there is a woman.“ Und abgesehen von dieser Frau, denn es handelt sich um den androgynen Caliban Mister Fish im Frauenkostüm, wirken die eben meistens wirklich sexy, bei aller grenzenloser Übertreibung, die in Glen Hansons Zeichnungen waltet. (Die Kellnerin der Maxi-Bar, Mac, bekommt auf youtube User-Kommentare für den Grad ihrer Anziehungskraft pro Folge.)

Unter den Gadgets, die Agent No° 1 und Agent No° 2 zur Weltrettung brauchen, gäbe es auch wieder viel herauszuheben, aber am besten gefällt mir der „aufblasbare lebensgroße Ricky Martin-Lockvogel“, der immer dann zum Einsatz kommt, wenn Agent No° 1 und Agent No° 2 die Aufmerksamkeit der Partygäste von sich weglocken müssen (= ziemlich oft).

Am Ende jeder Episode, während der Abspann zu sehen ist, zeigen dann Gans und Register, die Agent No° 1 und Agent No° 2 sprechen, ihr ganzes kabarettistisches Können. In Schlag-auf-Schlag-Improvisationen diskutieren sie noch einmal irgendeinen infantilen Konflikt der Episode aus oder springen manchmal ganz aus den Rollen, um sich intelligent beleidigen zu batteln. Und so endet nach dem ganzen großen glänzenden Spaß alles im nie abgeschlossenen Gerede. Das waren die frühen Nuller Jahre, eine Zeit, in der bedingungslose Ironie noch eine stimmige Lebenshaltung sein konnte. Das ist vorbei und das hat sein Gutes und sein Schlechtes. Schade ist, dass Spy Groove vorbei ist und nur noch nostalgisch bewundert werden kann. Aber irgendwie auch gut, dass die Macher 13 kleine Diamanten geschliffen haben und das dann so stehen ließen.

Es fällt mir naturgemäß schwer, eine Folge zu empfehlen, aber wenn ich müsste, dann vielleicht die Episode 2 „Ski Cats“, in denen internationale Top-Models von einer Pariser Hilfiger-Show ins schweizerische Nobel-Ressort „Schgii Lift“ entführt werden, wo „The Contessa“ naturgemäß Böses mit ihnen vorhat….

Über Samir Sellami

istinalog.net
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