Bolaño als Kannibale

Seit dem Tag, an dem mir Norman in Paris 2666 in die Hand gedrückt hat und mit jeder gelesenen Seite mehr bin ich zum unheilbaren Bolaño-Fan avanciert. (Damit bin ich bei weitem nicht allein, wie man hier, hier, hier und sogar hier sieht.) Die Faszination für den chilenischen, in Mexiko aufgewachsenen und im katalanischen Spanien gestorbenen Autor ist, seit ich auch literaturwissenschaftlich über ihn arbeite, nicht kleiner, sondern nur noch größer geworden.

bolano_foto

Großartiges gibt es viel bei Bolaño und ich werde in diesem Blog sicher auch noch viel darüber schreiben. Großartig ist z.B. sein Umgang mit intertextuellen Querverweisen auf andere Autoren und deren Werke. Abgesehen davon, dass mindestens drei Fünftel davon komplett erfunden sind, und zwar so, dass die Erfindungen gleich eine komplette Deutung des literarischen Felds mitliefern, in dass sie sich einordnen, abgesehen davon funktionieren sie auch ganz anders als herkömmliche Verweise. Wo man eine mehr oder weniger nachvollziehbare, implizite Deutung auf den Verwiesenen erwartet, stehen bei Bolaño meistens nur Namen, in Reihe und Liste gefasste Namen, Namensexplosionen, in denen sich Wirkliches, Verzerrtes, Mögliches und Unmögliches wunderbar gefährlich mischen.

Ein Beispiel sind etwa die Barbarischen Autoren in Stern in der Ferne, eine Reihe absolut randständiger französischer Schriftsteller, die sich 1968 zur Gruppe formieren und in avantgardistischer Tradition, anstatt still ihre Bücher zu schreiben, zur Tat schreiten. Das äußert sich aber nicht in dadaistischen Happenings, sondern in einsamen, für keine Öffentlichkeit wahrnehmbaren Ritualen, vornehmlich im Beschmutzen (mit Urin, Scheiße, Blut und Sperma) und Zerstören von Büchern.

Ein anderes Beispiel: Die große Parodie auf die Bildung des literarischen Kanons in Die Wilden Detektive. Wo der schwule Dichter Ernesto San Epifanio die Poesie in die verschiedenen Bewegungen von Schwuchteln, Tunten, Schwuletten, warmen Brüdern, Verrückten und Weicheiern unterteilt und mit allen denkbaren Varianten ausdifferenziert (verrückte Weicheier, schwule Tuten, tuntige Schwuletten; Weicheier, die gern Tunten wären, aber nur Schwuletten sind; Tunten, die so tun, als ob sie gern Schwuchteln wären, aber in Wirklichkeit wissen, dass sie Verrückte sind usw.).

Mit den herkömmlichen Bezügen, die das Germanisten- und Romanistenherz höher schlagen lassen und die man hermeneutisch nennen könnte, weil sie auf vorausgehender Interpretation und anschließender Aneignung beruhen, hat das wenig zu tun. Es geht vielmehr darum, ganze Werke, Autoren, Traditionen, Schulen, Epochen wild auf das Kleinste zu reduzieren und sie sich zu völlig fremden Zwecken, die aber trotzdem manchmal aufschlussreicher sind als alle gelehrten Interpretationen, einzuverleiben.

Man könnte die Resultate dieser Art von Kulturkannibalismus im Gegensatz zu den hermeneutischen als metabolische Bezüge bezeichnen. Es geht nicht um Aneignung, sondern um Einverleibung, nicht um Erwerb, Besitz und Pflege, sondern um Verschlingen, Genuss und Verdauung.

Weniger spektakulär als die genannten Beispiele, aber wie ich finde irgendwie origineller, ist ein Satz, der am Ende eines kurzen Bolaño-Essays über die zeitgenössische argentinische Literatur zu finden ist, und der den Wert der drei für Bolaño besten Zeitgenossen (Roberto Arlt, Osvaldo Soriano, Osvaldo Lamborghini; ja, er heißt tatsächlich so!) so zusammenfasst:

Wenn Arlt, als Schriftsteller der beste der drei, der Keller des Hauses ist, das die argentinische Literatur darstellt, und Soriano eine Vase im Gästezimmer, dann ist Lamborghini ein Kästchen, das auf einem Wandschrank im Keller steht.

Und wie ein vornehmer Rülpser steht am Ende des Essays der Satz: Man muss Borges wiederlesen!

Über Samir Sellami

istinalog.net
Dieser Beitrag wurde unter Kunst, Leben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s