Was ist ein Traum?

Wichtiges vorab: Ich bin ein schlechter Träumer, träume selten oder träume, ohne am Morgen noch etwas vom Traum zu wissen, vergesse, wenn ich noch Weniges weiß, das meiste sofort, und spüre dabei diese schmerzliche Gewissheit, gerade noch alles in der Hand gehalten zu haben. Mein Bruder dagegen ist ein leidenschaftlicher, hingerissener, fast tragischer Träumer; die schönen scheint er nicht ernst zu nehmen (aber vielleicht erzählt er auch nicht davon, aus Angst, dass sie ihre Macht verlieren), die traurigen, angsteinflößenden, alptraumatischen dagegen bauen sich in seinen Tag wie ein unzugänglicher Block aus unheilvoller Bedeutung (ein Schatten, ein Schatten!).

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Dagegen mag man eine Traumtherapie verordnen, aber am Ende dieses Beitrags soll gerade der große durchgestrichene Name stehen, den es hier unbedingt zu umgehen gilt. Denn gegen den unheilvollen Schweiß- und Schlagatemeffekt des Aufwachens am Morgen ist kein Kraut weniger gewachsen als das der Therapie durch Traumdeutung. Therapeutisch wirksamer ist da vielleicht schon die Maxime, die sich direkt an meinen Bruder und alle anderen tragischen Träumer richtet: Wer verrücktes Zeugs träumt, ist gesund und muss sich nicht sorgen. Viel gruseliger als die verrückten Träume, die ja die normalen sind, sind da schon die gewöhnlichen, Träume, in denen nichts, aber auch gar nichts Merkwürdiges geschehen mag:

Wie ich noch ganz, ganz klein war, ich war gewiss erst 4 oder 5 Jahr, denn ich hatte einen Traum, worin ich 7 Jahr zu sein meinte und mir wie eine große Person vorkam, da kam es mir vor, als ging ich mit meinen Eltern, Geschwistern und zwei Bekannten spazieren, in einem Garten, der garnicht schön war, sondern nur ein Gemüsegarten mit einer graden Allee mitten durch, in der wir immer hinauf gingen. Nachher wurde es ein Wald, aber die Allee mitten durch blieb, und wir gingen immer voran. Das war der ganze Traum, und doch war ich den ganzen folgenden Tag hindurch traurig und weinte, dass ich nicht in der Allee war und auch nie hinein kommen konnte.

So die allergrößte der deutschen Dichterinnen, Annette von Droste-Hülshoff, in ihrem Brief an Sprickmann, den Benjamin in seinem legendären Band Deutsche Menschen abgedruckt hat und den es hier ganz zu lesen gibt. Worin ich sieben Jahr zu sein meinte – da ist überhaupt kein Tagesrest, der verarbeitet wird, das ist reines Sehen reines inneres Sehen oder besser Wissen kein Sehen von Bildern keine Imagination sondern Phantasie. Träume sind nicht gegenständlich Träume überschreiten das Bild (image) sprengen es man weiß immer mehr als man sieht Personen die du siehst werden plötzlich durch andere ersetzt (kennt man das?) oder du siehst sie noch immer siehst noch immer das vertraute Gesicht oder nur Teile davon weißt aber dass es schon jemand anderes ist weißt es desto unbegründeter desto sicherer Das hat nichts mit noch sinngerichteten Tagträumen zu tun nichts mit utopischen Sinnstiftungen nichts mit dem Auftauchen der Kindheit nichts mit dem androgynen Geist (Bloch, Freud, Jung) Träume sind unlesbar gehen aus von Erlebtem und Erfahrenem oder auch nicht (meistens aber doch) gehen darüber hinaus vertauschen verdichten verzerren dehnen beschleunigen sind unvollständig in Farbe Ton und Geruch phantastische Entgleisungen die sich in keiner hermeneutischen Aneignungsarbeit beruhigen ließen.

In der Kunst sind Träume oft unerträglicher Kitsch. Anlass für plätschernde Einbildungen, uninspirierte Selbstbeschreibung (Kunst = Traum), Legitimation für effektarme Extravaganz, Flucht vor der staubigen dreckigen schlammigen Realität.

Großartig dagegen, für alle, die sich die Mühe machen wollen,
der Traum auf den letzten Seiten von Julien Greens Epaves (Dank an L.),
der Dichter in Borges‘ Erzählung, der in einer mächtig zerdehnen Traumsekunde sein unvollendetes Epos noch zu Ende schreiben darf, bevor er guillotiniert wird,
die Träume in Bolaños 2666 natürlich, Träume, die nur deutbar tun, bevor sie entgleisen, die immer mehr oder weniger Sinn anhäufen, als es am Tag erlaubt wäre, Exzess und Reduktion, Überschuss Unterschuss, und die doch realer sind als das scheinbar Realste (kaum sinnvoll von der Erfüllung der Träume zu träumen: sie selbst sind schon die ganze Realität), mit den Worten des Dichters: nicht Spiegel und Explosion anderer Erlebnisse, sondern Spiegel und Explosion ihrer selbst,
Prousts Eröffnungstraum: schlafend hatte ich nicht aufgehört darüber nachzudenken, was ich gerade gelesen hatte, aber dieses Nachdenken hatte eine etwas eigenartige Wendung genommen; es schien mir, als wäre ich selbst das, wovon das Werk sprach: eine Kirche, ein Streichquartett, die Rivalität zwischen Franz dem Ersten und Karl dem Fünften (die Rivalität zwischen Franz dem Ersten und Karl dem Fünften!!),
die Sekundenträume in dem grandiosen Film A Serious Man…

henri-rousseau-reve

Was ich zuletzt geträumt habe? Ich weiß es nicht mehr. Aber einen Traum, den ich mit 17 oder 18 aufgeschrieben haben muss (erlebt? erfunden? erzählt?) und vor kurzem auf einer alten Festplatte gefunden habe, will ich doch denen, die bis hierhin gekommen sind, nicht vorenthalten:

Ein Traum: ein Mann mittleren Alters (der Träumende) in der Bildmitte liegend auf einem Nagelbrett (die Nägel sind aus Gummi, dicker als normal – erinnern an Massagebälle aus dem Sanitätsgeschäft), nackt, halb erigiert. Die Wände (kreisförmig um ihn sich weit nach oben erschreckend) zerfließende Bücher in Schwarzweiß, deren Titel er nicht erkennen kann, die in ihrer akademischen Dicke an Nachschlagewerke und Studienbücher erinnern. Diese also zu karamelner Schwerelosigkeit geschmolzen, sich, wie gesagt (aber es wird auch mehrmals gesehen) weit, ganz weit in den Himmel erstreckend. Oben also zwangsläufig keine Decke sondern, eine kleine, nur ahnbare Öffnung in Richtung Himmel, dieser wenigstens blau und eine Taube aus Messing oder ähnlich untaubischem Stoff hergestellt. Der Plastikvogel pendelt bedrohlich (wie ein Zeiger!) über den wachen Augen des Träumenden, so als könnte er jeden Moment auf ihn herabstürzen und so, als wäre er nur da, um so auszusehen, als könnte er jeden Moment auf ihn herabstürzen. Durch die eine Bücherwand, -paste, -scheiße (an was man alles so denkt im Träumen) schnellt nun ein zunächst vom Träumenden unerfassbares Konglomerat an Figuren, ein riesiger, monumentaler Hauffen (sic), der sich bis kurz vor seine Nase schiebt, sodass er gezwungen ist, wenn er noch etwas sehen, erkennen will an seinem vorderen Punkt vorbei zu schauen, senkrecht nach oben, zur Uhrtaube. Langsam ordnet er Sinne und Augen, prüft den Berg, der auf seiner Nasenspitze Halt gemacht hat, sieht zunächst durchbrochene Bücherpaste, die wie heiße Himbeersoße an den Seiten des Berges hinunterläuft. Es sind alles Hexen. Tausende, abertausende Hexen mit fantastischen Nasen, jede gleich groß und eine Hexe sitzt auf der Nase der nächsten. Das ganze nun umgedreht. Aus der letzten Nase ragen kleine Fischgrätchen heraus, fünf an der Zahl, in unterschiedlicher Größe, sodass sie an eine Kinderhand erinnern. In einem gemeinsamen Moment öffnen sie (immer noch auf dem Kopf und der Nase ihrer Vorderhexe stehend) ihre verkrusteten Münder und schreien ihm das „Es war einmal“ um die Ohren. Das Aneinandergewirr der Stimmen wird schließlich so laut, dass dem Träumenden durch die Druckwelle der Worte „es war einmal“ die Haut vom Gesicht gerissen wird. Er schaut, freilich als ob nichts passiert wäre, wieder hinauf zu der kleinen Öffnung im Himmel. Die Taube ist weg(geflogen?), der Himmel schwarz und wolkenverhangen. Er versucht zu sprechen, kann aber nicht. Er will beginnen zu fragen: „Die Taube“, es hört sich an wie: „ich glaube“ und er wacht auf.

Verstehe das, wer kann. Meiner Meinung nach geht es natürlich um Todestrieb, Kastrationsangst und den Vaterkomplex. Zumindest oder vielleicht, wenn man davon ausgehen kann, dass Träume Traumatisches verarbeiten.

Aber Träume verarbeiten nichts. Träume arbeiten.

Über Samir Sellami

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