Die Einsamkeit des Regisseurs an der Premiere

Wo ich meinen Körper gerade abgelegt habe in einem Hotelzimmer, das zu hundert Prozent aus PVC zu bestehen scheint, in Erwartung eines Festivals, auf dem ich mich in meinem Beruf präsentiere. Und was für ein Beruf das ist. Theaterregisseur. Ich glaube ein Nachwuchsfestival wie dieses ist einer der letzten Orte, an dem man sich noch miteinander unterhält. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ego-Tiere, die ich kennengelernt habe, sie schon länger in diesem Beruf sind, miteinander über ihre Arbeiten sprechen. Als Regisseur ist man am Ende immer allein. Völliger Wahnsinn, mit einem Produkt der eigenen Fantasie an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Schauspieler sind genauso exponiert, aber wenn sie klug sind solidarisieren sie sich untereinander. Bühnenbildner, Kostümbildner, Dramaturgen, die können einem beistehen, das sind die Menschen deren Hände man quetscht während der Premiere, aber keiner von denen trägt die gleiche Verantwortung wie der Regisseur.

Ich denke an Herrn G., ein großes Tier in der Theaterwelt, ein man mit zwei verschiedenen Pseodonymen. Ob es der Vater war oder die Armee, something put the fear of god in him, und seit dem ist er nur am produzieren, am arbeiten, am wegrennen vor sich selbst. Er kuckt sich die Premiere nicht an, nach dem Applaus steht er sturzbesoffen neben mir, die Augen weit aufgerissen, asl würde er mich, den Hospitanten, den unwichtigsten Wicht in der ganzen Produktion, anbetteln. „Und wie fanden es die Leute?“. Ich denke an Herrn L. in der gleichen Situation, nicht betrunken sondern stoned, mit seinem breiten, zugekniffenen Lächeln, irgendwo zwischen Schmerz und Erhabenheit. Als ich ihn frage, wie das Stück so angekommen sei und er antwortet „Mir sagen alle, dass es toll ist, und die, die’s Scheiße fanden, kommen eh nicht zu mir.“ Ich denke an Frau K., der nach ihrer Premiere ihre Brille, die sie sich in die Haare geschoben hatte, immer wieder zurück auf die Nase fiel.

Und ich denke natürlich an mich selbst, wie ich neben den Schauspielern stehe beim Applaus und mich immer fühle wie ein Hochstapler, weil ihre Körper erschöpft und aufgeladen sind und meiner nur verklemmt und angespannt, weil sie gespielt haben und ich gar nichts gemacht habe. Wie ich möglichst lange in der Garderobe ausharre um nicht auf die Feier zu gehen, weil es kaum einen Ort gibt an dem ich mich so verloren fühle wie auf meiner eigenen Premierenfeier. Und wie ich dann schließlich doch auf die Feier gehe, die Menschen dort sehe und mein erster Gedanke immer ist: „Oh Gott, sie haben es alle gehasst“.

Man ist ein enttrohnter König. Über Wochen hat man Menschen verführt, befehligt und angeschrien, und zum Stichtag kommt der wirkliche König vorbei. In Minutenschnelle fällt das Urteil über mehrere Wochen harter Arbeit. Und man hat Angst vor zwei Sachen: vom Publikum geächtet zu werden und vor den Schauspielern aufzufliegen. Dass die plötzlich merken, dass man ihnen die Sicherheit nur vorgekaukelt hat, während man eigentlich nicht wusste, was man tat.

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