Madonna and Me


Samir hat sich schon in der Ecke verkrochen und hält sich die Ohren zu, wenn ich jetzt anhebe, euch alle mit Madonna zu nerven. Und ich weiß, dass sie nervt. Sie kann nicht singen, nur mittelgut tanzen, schreibt ihre Songs nicht selber, ist viel zu alt, ihre Provokationen sind billig, sie ist peinlich, sollte endlich abtreten. Sowas und ähnliches kann man heute über sie lesen, man konnte es vor zehn Jahren über sie lesen und man konnte es (außer das mit dem Alter) schon vor 30 Jahren über sie lesen, als sie angefangen hat. Seit sie auf der Bildfläche ist, will eine nicht unerhebliche Anzahl von Leuten, dass sie möglichst schnell wieder verschwindet. Die New York Times schrieb über ihr erstes Stadion-Konzert 1982: „This woman needs to see a good vocal coach before she attempts another tour.“ Der Sänger Morrissey sagte 1997 über sie „Madonna reinforces everything absurd and offensive. Desperate womanhood. Madonna is closer to organized prostitution than anything else.“ Elton John fragte erst kürzlich „Why is she such a disaster?“, und der Vatikan ließ 1990 anlässlich eines Konzerts in Rom verlauten „Mit der „Blonde Ambition Tour“ ist Satan zurück in die Welt gekehrt“.  Damit haben wir es also zu tun: mit Satan.

Der Satan also hatte seinen Durchbruch in einem Alter, in dem Popstars heutzutage ihre Memoiren schreiben: mit 24. Dass der so „spät“ kam, hatte auch damit zu tun, dass sie eine frühe Möglichkeit zum Erfolg bewusst ausgeschlagen hatte. Bereits ein paar Jahre vorher war sie von einem Agenten in New York entdeckt worden. Man flog sie nach Paris und brachte sie dort mit allen möglichen wichtigen Leuten zusammen und sagte ihr, man werde sie groß rausbringen. Sie sah sich das ein Weile lang an und täuschte dann einen Notfall in ihrer Familie vor, um wieder nach Amerika fahren zu können. Wenn sie das wollte, dann musste sie sich das selber aufbauen, das stand für sie fest. Das tat sie im folgenden auch. Man kann ihr viel vorwerfen, aber nicht dass sie nicht jede Entscheidung in ihrer Karriere selbst getroffen hätte. „There wasn’t a man that made me do it“ erwiderte sie auf die Kritik an ihren unterwürfigen sexuellen Posen im Video zu „Express yourself“. „I’m crawling under my own table. I’m bound by my own chains. I do everything by my own volition“

Madonna als Boy-ScoutÜber kaum einen anderen Popstar ist mehr akademische Literatur veröffentlich worden als über Madonna. Kein Wunder mit all ihrer postmodernen Folklore, den wandelden Alter-Egos (Dita und Esther, ich weiß ich bin ein Nerd…) und mehrdeutigen Genderperformance (Judith Butler, anyone?). Was dabei oft übersehen wird, ist wie radikal persönlich ihr Werk eigentlich ist. Natürlich sind all ihre wechselnden Inkarnationen nur Fassade, aber jede Fassade ist mit einer persönlichen Bedeutung aufgeladen. Das unterscheidet sie auch von der Frau, die jetzt weithin als ihre Erbin ausgerufen wird, Lady Gaga, bei der jedes neue Kostüm nur ein weiter Fetzen in ihrem Arty-Farty-Trash-Emporium ist. Die Persönlichkeit und Ehrlichkeit ihrer Texte unterscheiden sie auch von der anderen großen Ikone der achziger Jahre, Michael Jackson, und seiner Flucht in sein verlogenes Peter-Pan-Fantasie-Universum. „Billie Jean is not my lover“? Nobody thought she was! „The kid is not my son“? Nobody even thinks your own kids are your kids!

Es ist unbestreitbar, dass Michael Jackson um ein vielfaches talentierter war als Madonna. Aber das Talent war sein Verhängnis. Von klein auf beklatscht und begeifert, hat er nie einen Ausdruck für das finden dürfen, was ihn eigentlich bewegt. Er war Zeit seines Lebens immer nur das schnellste Pferdchen in der Manege. In der berüchtigten Dokumentation von Martin Bashir sieht man ihn in Las Vegas einen Laden voller ultra-teurem und ultra-geschmacklosen Krempel leerkaufen, vergoldete Riesenamphoren und ähnliches Zeug, das Madonna, die eine private Kunstsammlung mit Werken von Leuten wie Dalí und Ferdinand Léger besitzt, nicht mit dem kleinen Finger anfassen würde. Der Unterschied zwischen Michael Jackson und Madonna ist eben genau der zwischen Kunstgewerbe und Kunst. Das heißt nicht, dass Madonna in ihrer Karriere nicht viel Unsinn Gemacht hätte, mehr noch als Michael, sondern es geht um einen Unterschied in der Herangehensweise und der Gattung.

Dass das, was Madonna macht Kunst ist, sieht man am stärksten an ihren Bühnenshows. Das ist großes Welttheater (Betonung auf groß!), mit ihr selbst als Regisseurin und Hauptdarstellerin. Ihre größte Errungenschaft wird die eingangs schon erwähnte „Blonde Ambition Tour“ bleiben, mit den unvergesslichen Bustiers von Jean-Paul Gaultier und den rauen, expressiven Choreographien von Vincent Paterson. Wir sehen sie auf einem großen orientalischen Bett mit zwei Eunuchen bei der Masturbation und direkt nach dem Höhepunkt fällt der Vorhang und –zack!- sind wir in der Kirche, der Chor ertönt, sie kriecht aus dem Bett, wickelt sich in eine schwarze Kutte und schüttelt sich auf dem Boden vor religiöser Ekstase. Auf ihrer letzten Tournee, MDNA, die sie selbst als eine Reise von der Dunkelheit ins Licht beschreibt, sehen wir sie mit eine Kalaschnikov aus einem Beichtstuhl ausbrechen, in bester Tarantino-Manier in einem Hotelzimmer Leute abknallen, auf einer Slagline durch die Hölle gehen, als Punk-Rock-Marlene-Dietrich fast nackt eine dunkle, brüchige Walzer-Version von „Like a Virgin“ singen, bevor sich all ihre Verzweiflung in dem glorreichen „Like a Prayer“ auflöst. Dass ein Großteil des Publikums die Gewaltdarstellung im ersten Teil Show ziemlich verstörend findet, ist ihr offensichtlich scheißegal. Das ist auch etwas, was sie auszeichnet: dass sie immer wieder die Eier hat, unpopuläre Dinge zu tun.

Das Label des „Rebellen“ wird in der Popmusik vor allem weißen, heterosexuellen Männern verliehen, also Leuten , die das alles nichts kostet, und die dann ohnehin nichts anderes tun als das, was gesellschaftlich längst sanktioniert ist als „edgy“ und „neu“ zu verkaufen.  Wenn dann eine Frau wie Madonna kommt und wirklich im großen Stil gegen bestehende Konventionen verstößt, dann ist das nicht rebellisch, sondern billig, abgeschmackt und verzweifelt. Mit dem Buch „Sex“, dass sie Anfang der neunziger rausbrachte, hätte sie ihre Karriere fast beendet. Ihre Plattenverkäufe in den USA haben sich nie wirklich davon erholt. Sie ist für die Rechte von homo/bi/transsexuellen eingetreten lange lange bevor es en vogue war. Als die AIDS-Epidemie ausbrauch, als die Schwulen starben wie die Fliegen, hat sie sich öffentlich und laut mit ihnen solidarisiert, während viele andere die Klappe hielten oder von Gottes Strafe sprachen. Auch die Tatsache, dass sie nach einem Mega-Seller wie „Ray of Light“ nicht einfach das gleiche Album nochmal macht, sondern einen völlig unbekannten französischen Produzenten engagiert, der ein Mixtape an ihr Label geschickt hat, spricht für ihren Mut. Kritiker werfen ihr vor, dass sie die Risken kalkuliert. Das stimmt, aber wer Risiken eingeht ohne sie zu kalkulieren, der ist einfach nur dumm. Und wenn sie jetzt mit mitte Fünfzig sich noch einmal in einen engen Lederoverall zwängt und mit Männern, die ihre Söhne sein könnten, Hochleistungsakrobatik im Sex-Dungeon betreibt, dann ist das einerseits irgendwie panne, und andereseits auch bewundernswert konsequent.

„In der religiösen Kosmologie hatte der Teufel die Funktion, die moralische Differenz in die Welt einzuführen. Gott beobachtend konnte er nicht die Hoffnung haben, sich zum Herren Gottes aufzuschwingen, denn das hätte bedeutet: besser sein zu wollen als das Beste, und einer sein zu wollen als das Eine. Es blieb ihm nur die Möglichkeit, eine Differenz in die Welt einzuführen. Da aber das Eine schon gut war, konnte die Differenz nur als das Böse gefunden werden. Der arme Teufel, er musste, ob er wollte oder nicht, in der Beobachtung Gottes böse werden. Wie anders hätte man Licht in die Welt bringen können?“

Niklas Luhmann nach Virgilio Malvezzi

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