Göçi zu Bayern

Tango Fußball

Das waren noch Zeiten, als gegen diesen Ball getreten wurde! Die Deutschen spielten (entgegen heute weit verbreiteter Meinungen) guten Fußball und gewannen zwar nicht immer, aber doch verdammt oft (72 und 80 Europameister, 74 Weltmeister). 78 in Argentinien aber eben gerade nicht. Man erinnert sich vielleicht an das 2:3 gegen Österreich, Aus nach der Zwischenrunde, Schmach von Córdoba für „uns“, Wunder von Córdoba für die „Ösis“. (Legendär: Edi Finger: „I werd narrisch.“) Den Zuschlag zur Ausrichtung hatte Argentinien natürlich lange vor dem schicksalhaften Jahr 76 bekommen. Aber als zwei Jahre vor der WM die Militärjunta triumphierte, juckte das bei der FIFA keinen, außer natürlich FIFA-Präsident Havelange, der sich mit dem folgenden Kommentar als Vertreter der Menschenrechte qualifizierte: „Nun wird die WM wenigstens ruhig ablaufen.“ Und Blatter (irre, dass der schon damals seine Finger drin hatte) soll Diktator Videla als guten alten Freund bezeichnet haben. Ein Glück, dass es der FIFA wie allen großen Sportverbänden natürlich immer nur um die Trennung von Sport und Politik geht. Oh Fußball, du Retter der Welt, du Speerspitze der Völkerverständigung!

Als ich Mario Götze zum ersten Mal Fußball spielen sah, wusste ich, dass er ein ganz Großer wird. Das war nicht zu vergleichen mit den üblichen Talenten, die in den letzten Jahren in fast unwirklich großer Zahl aus deutschen Fußballfeldern sprießen. Das war nicht nur besser als der Rest, sondern auch anders, eine völlig andere Haltung zum Ball, in dieser Intensität nur vergleichbar mit Özil und Messi. Als einer, der jahrelang wie blöde gekickt und gepfiffen hat, heute aber nur noch wenige Spiele schaut, verfügt man da über die notwendige Halbdistanz, die einem eine gewisse Urteilskraft verleiht.

Vor dem Hintergrund der eingeübten Wahrnehmungsüblichkeiten, die sich über Sportschau und Bildzeitung verbreiten und am Wochenende bei Wurst und Bier auf den Provinzplätzen der Nation verfestigen, war das so nicht gleich sichtbar gewesen. Trotz offensichtlicher Gegenbeweise herrscht in Schland nämlich immer noch latent die Béla-Réthy-Auffassung, dass das (zumindest technische) Talent eines Spielers proportional zur Anzahl der stimmhaften alveolaren Vibranten in seinem Namen ist. Wenn eben Pappnasen wie der Netzers-Günter für 5000 Euro pro Minute die Gebetsmühle anwerfen dürfen, glaubt irgendwann auch noch der letzte Fan mit Selbstbewusstweinsresten das Märchen von der angeborenen „technichen (sic!) Versiertheit“ der sogenannten Südländer. (Für alle, die es nicht wissen: Das sind die, die sich so gerne im Strafraum fallen lassen.)

Medial gesehen hätte da das Spiel Deutschland-Brasilien (10.8.2011, D siegt 3:2) ein Wendepunkt sein können. Nicht nur, dass im Spiel selbst zu sehen war, wie Deutschland den Brasilianern vor allem technisch überlegen ist. Der immerzu bierselige Fan hätte sich zudem den (im Internet leider unauffindbaren) Kommentar des ARD-Experten Giovane Elber zu Herzen nehmen können, der in seiner brasilianisierenden Verkürzungslinguistik von „Yogis SupaKada“ vor allem „Göçi“ und „Öçi“ heraushob. Und genauso hätte „der YogiLö“ in der Folge den leidigen Diskussionen ein Ende machen können, ob denn Göçi und Öçi überhaupt zusammen funktionierten. (Hallo!? Wenn du zwei der besten Spieler der Welt hast, da gibt’s nichts auszuprobieren, da musst du die Mannschaft um die zwei herumbauen.)

Jetzt geht Göçi zu Bayern, was mich als IrgendwieimmernochDortmundFan naturgemäß ein wenig traurig macht. Aber allen Möchtegern-Kommentaren auf SPON und anderen digitalen Kugelbädern zum Trotz wird er sich dort natürlich durchsetzen und noch besser werden, als er eh schon ist.

Fazit: Fußball ist, angesichts der ihm zugemessenen Bedeutung, als Gesprächsthema so ziemlich das Langweiligste überhaupt: Blatter und Co. sind korrupte, macht-, geld- und einflussgeile Despoten, die über Leichen gehen, und die FIFA ist ein Mafia-Laden. Göçi und Öçi sind die Besten in Deutschland, und Messi ist irgendwie noch besser. Béla Réthy hat keine Ahnung und soll nach Hause gehen. Uli Hoeneß hat im Übrigen Steuern hinterzogen (quelle surprise!). Und auf die Frage einer japanischen Journalistin an Marco Reuß, ob ihm jemand schonmal gesagt hat, dass seine Frisur noch schöner sei als die von Mario Gomez, fällt ersterem (nach halbminütigen Hilflosblicken zu Harald Stenger) nur ein: „Ich versuch natürlich immer das Beste aus mir rauszuholen.“ (Ohne Ironie! Und die andern lachen auch noch!! Skandaal!!!!) Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fußballer einen Satz zustande bringt, der nicht nach Trainerhatgesagt klingt, ist ungefähr so hoch wie die, dass ein Gewinner des Deutschen Buchpreises poetische Qualitäten besitzt.

Die Einzigen, die poetische Qualitäten demonstrierten, wenn es um Fußball ging, waren Hans M. („der Hans“), Masseur einer Oberliga-Mannschaft in Baden (mit Sätzen wie: „frühes Tor, egal wann“, „Wenn’s Netz zappelt, isser drin“ und: „Was die nicht können, können wir schon lange nicht“), und natürlich mein Opa, der es unnachahmlich verstand, jeden noch so gängigen Namen zu einer exotischeren, schöneren Variante zu verfremden und der am Ende dann doch immer in allem Recht hatte. Natürlich wusste er auch, was für ein Kaliber „der Götzi“ war. Wie hätte er gestrahlt, hätte er heute die Zeitung aufgeschlagen! Und ich, obwohl IrgendwieimmernochDortmundFan, mit ihm.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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