Aktionismus der Unterlassungen

Am letzten Freitag habe ich ein paar Stunden in den Uferstudios (Berlin) verplempert, und zwar bei dem Festival In Zucht, das von Studenten der UdK (HZT) organisiert worden ist. „Verplemperung“ deutet schon an, dass ich mich nicht gerade amüsiert habe. So hatte ich aber immerhin genug Zeit darüber nachzudenken, was es denn genau ist, das mir hier so unglaublich auf die Nerven geht.

Von der ersten der drei Performances lässt sich nur sagen, dass sie sich selbst nicht besonders ernst genommen hat, was zumindest Wut, Ärger und andere intensive Gefühle erstmal abhalten konnte. Bemerkenswert war immerhin, dass auch bei dieser Performance einmal wieder an völlig unpassenden Stellen gelacht worden ist. Kein befreiendes, natürliches, störendes, bekifftes oder sonstwie begründetes Lachen. Sondern eben das typische Performance-Zuschauer-Lachen der immerzu Wohlgesinnten, die dadurch offenkundig demonstrieren müssen, wie sehr sie in die Sache eingeweiht sind. Ein bisschen so, wie wenn zwei Museumsbesucher (er mit Rundbrille, sie mit grünem Filzschal, zum Beispiel) die „Farben“ eines Warhol bestaunen, und man das Gefühl hat, die könnten auch mit dem Rücken zur Leinwand stehen und dabei haargenau denselben Stuss reden.

An der zweiten Performance ist höchstens der Mut erwähnenswert, mit dem sich drei Performer drei pastellfarbene Pullis (kennt man noch diese von Natur her ausgewaschenen Fruit-of-the-Loom-Sweatshirts aus den 90ern?) anziehen, um darin 20 Minuten lang unpräzise und unwirksame Minimalbewegungen in den Raum zu hauchen.

Die dritte Performance ist handwerklich die Beste und ästhetisch die Schlechteste. Ein Glück habe ich N. dabei (bzw. sie mich), damit sie mir das nochmal mit Nachdruck bestätigen kann. Hier (u.a weil es unerträgliche 55 Minuten dauert) komme ich auch auf den titelgebenden Ausdruck dieses Blogposts. Es fängt so an, dass ich mir kurz nach Einstellung meiner Bemühungsversuche mit der Zizek-Stimme innerlich zurufe: This is not enough! Das ist mein erster Reflex: Das Problem, das Nervige, Unzureichende dieser Vorstellungen ist, dass einfach nichts, aber auch gar nichts geschieht. Dann aber HALT!, es gibt doch auch die großen Meister der Auslassung, die du so liebst, die Heldinnen der Askese, des Verzichts, der Absenz, der Verweigerung, des Understatement, der Unauffälligkeit. Und in der Tat: Das Problem hier ist nicht, dass zu wenig passiert. Es passiert zu viel. Zu viel von nichts.

Die unerbittlichste Zuschauerin, die es gibt, ist die aufmerksame Laiin. Sie ist unbestechlicher und urteilsfähiger zugleich. Besonders sensibel für den Unterschied zwischen Nichts und Nicht-Mehr. Für den Unterschied zwischen Unterlassung aus Unvermögen und Auslassung als ästhetisch konsequenter Entscheidung. Letztere wird sie mögen oder nicht. Aber einen gewissen Respekt dafür wird sie immer empfinden. Nicht so bei der Unterlassung. Eine Weile wird sie sich vielleicht einlullen lassen. Dann noch aus ihrer Unsicherheit heraus die Möglichkeit vermuten, dass sie einfach nicht versteht, was hier auf vermeintlich geniale Weise nicht gezeigt wird. Aber am Ende wird sie sich trotzdem, immer noch mit der Zizek-Stimme, zur Überzeugung durchringen: This is not enough, precisely because it’s too much (precisely, das unverzichtbare Adverb jeder Zizek-Imitation).

Es gibt eine Tendenz der Kunst, gegen die sich die Performance im Allgemeinen mit Recht zur Wehr setzt. Es ist der Aktionismus der Virtuosen: Aktionismus einer überengagierten Theaterspielkunst, Aktionismus eines gewissen Körperwahnperfektionismus im klassischen Tanz, Aktionismus einer fließbandsentimentalen Musical-Ästhetik. Aber was hier entgegen gesetzt wird, ist keine leidenschaftliche, intensive, obsessive Gegenkunst, die aus Knappheit und Armut heraus bleibende Momente schafft, sondern ein ebenso unsinniger und langweiliger Aktionismus der Unterlassungen.

Von Marina Abramovic ist zu lernen, dass Performance im Gegensatz zum (klassischen) Theater den Schutzraum, den Proberaum und Bühne darstellen, nicht mehr gewähren kann. Die Performer spielen nicht mehr, sondern sie sind ihre Darstellung. Der Körper ist der absoluten Intensität von Ort und Moment ausgesetzt.

In der Performance, die vom Aktionismus der Unterlassungen befallen ist, bleibt davon kaum etwas übrig. Den Schutzraum bildet hier ein steriler Konzeptualismus, der den negativ aktionistischen Selbsterfühlungspraktiken eine inhaltliche Ausrichtung unterschiebt; in den meisten Fällen mit Hilfe eines genauso sterilen Ankündigungstexts, den man auf so ziemlich alles anwenden kann: Ich habe eine flüchtige Idee und illustriere sie ein paar Minuten lang. Wir sind durch eine Phase der Research über ein Thema gegangen und hier habt ihr, was uns so dazu eingefallen ist (aber nicht zu viel). In unserer Performance befragen wir (sporadisch ersetzt durch: loten wir aus) die Konstruiertheit von RealitätWahrnehmungRaumZeit (ein Wort). Aber warum überhaupt dieses sogenannte Thema? Wo liegt die Motivation? Und verdient das Ganze den Namen, den es sich notorisch selbst gibt, den Namen: Projekt?

Zur Erinnerung (Schlegel, Athenäumsfragment 22):

Ein Projekt ist der subjektive Keim eines werdenden Objekts. Ein vollkommnes Projekt müßte zugleich ganz subjektiv, und ganz objektiv, ein unteilbares und lebendiges Individuum sein. Seinem Ursprunge nach, ganz subjektiv, original, nur grade in diesem Geiste möglich; seinem Charakter nach ganz objektiv, physisch und moralisch notwendig. Der Sinn für Projekte, die man Fragmente aus der Zukunft nennen könnte, ist von dem Sinn für Fragmente aus der Vergangenheit nur durch die Richtung verschieden, die bei ihm progressiv, bei jenem aber regressiv  ist.

Fragmente aus der Zukunft, zugleich ganz subjektiv und ganz objektiv. Das hat wenig zu tun mit der widerstandslosen Selbsterfühlungspraxis derer, die vielleicht durchaus ganz gern Künstler wären. Genauso wenig mit den notorischen Fragen der Neuen Bürgerlichen Kunststudenten: Was hat das alles mit mir zu tun? Was erzählt mir das?

Vielleicht ist die Zukunft leer und mit ihr die Fragmente, die aus ihr kommen könnten. Und vielleicht steht die Performance wie alles andere im Zeichen dieser möglichen Leere, des Nicht-Mehr, des Verschwindens des Menschen. Ich glaube in der Tat, dass sich jede Performance implizit mit der alten Leibniz-Frage auseinandersetzen muss: Warum gibt es eigentlich etwas und nicht vielmehr nichts? Warum eigentlich Darstellung und nicht vielmehr keine Darstellung?

Erst vor diesem Hintergrund des absoluten, vielleicht nirgendwo mehr auffindbaren Verzichts kann die Performance ihr Potential entfalten, an das ich ungeachtet einer grassierenden Hyperaktivität des Nichtstuns weiterhin glaube. Glauben will.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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