Warum das deutsche Theatersystem schlimmer ist als Goldman Sachs

Nach einer Vorstellung meiner Diplominszenierung in Zürich lerne ich Herrn H. kennen. Herr H. ist das, was man in einem Feuilletonartikel als „Theaterurgestein“ bezeichnen würde. Er hat in den frühen sechzigern als Assistent von Fritz Kortner angefangen, dann über Jahrzehnte in Hamburg, Wien, Zürich und Stuttgart als Dramaturg gearbeitet. Es wäre müßig jetzt die Namen der Regisseure aufzuzählen, mit denen Herr H. gearbeitet hat, aber Herr Marthaler und Herr Castorf gehören auch dazu. Meine Sitznachbarin vergleicht die Wirkung von Herrn H. später mit der von Robin Williams in „Club der toten Dichter“. Ich habe den Film nicht gesehen, aber ich verstehe was sie meint. Diesen über 70-jährigen Mann zu erleben, wie er über Theater spricht, seine Klugheit, seine Emphase und die zupackenden Gesten, die er seinem zerbrechlichen Körper abtrotzt. Während ich ihm zuhöre habe ich eine Eingebung. Wie viele meiner Eingebungen, ist sie nichts, was ich nicht eigentlich schon vorher gewusst hätte, aber plötzlich kann ich es fühlen. 

Wir stammen nicht vom Affen ab, wir sind Affen, sagt mir die Eingebung, und ich nicke, weil ich das schon mal in einem Buch gelesen habe. Und als Affen spielen wir uns ständig gegenseitig etwas vor. Ob wir wollen oder nicht, wir sind gefangen im Spiel, selbst wenn wir ehrlich sind, spielen wir. Wir bestellen eine neue Runde Getränke. Und Theater ist nichts anderes als ein paar Affen, die sich zusammentun, um den anderen Affen das Spiel als Spiel vorzuführen. Jetzt komme ich kurz nicht mehr mit, will ich meiner Eingebung  sagen, aber die fährt unbeirrt fort. Deswegen ist Theater mit „Experten“ auch nicht „echter“ als Theater mit Schauspielern, denn auch die spielen ja. Und ja, klassisches Theater drängt die Wirklichkeit in eine Dramaturgie, aber das tun wir auch schon, wenn wir nachdenken. Wir können gar nicht anders als in Geschichten zu denken. Das sieht man doch in diesem TED-Video:

„We’re imposing order on the mess that we observe, and it is taking the same patterns, the patterns of a story“ Und ich erinnere mich tatsächlich an dieses sehr sehenswerte Video, von dem meine Eingebung spricht. Natürlich müssen wir dem Theater gegenüber misstrauisch sein, aber in genau der gleichen Weise, wie wir auch uns selbst gegenüber misstrauisch sein müssen. Und wer wirklich misstrauisch ist gegenüber sich selbst ist, misstrauisch gegenüber dem eigenen Weltbild und der eigenen Selbstwahrnehmung, der kann es sich gar nicht leisten, immer alles schnöde zu dekonstruieren. Weil er begreift, dass dabei etwas auf dem Spiel steht. Der kann sich gefälliges Scheitern nicht leisten.

Herr H. erzählt davon, wie der Betrieb früher funktioniert hat, wieviel verbindlicher aber auch autoritärer es damals war. Und dass man als großes Theater in die Provinz geschaut hat, dass man Leute beobachtet hat wie sie dort gelernt und sich profiliert haben. Als Dramaturgen noch reisten, um neue Sachen zu sehen, und nicht um auf den Premieren von Regisseuren, die ohnehin schon engagiert sind, Präsenz zu zeigen. Er glaubt, dass die Modernisierung dem Theaterbetrieb nicht gut getan hat. Ich auch nicht. Ich habe das Gefühl, wir erleben gerade das schlechteste aus beiden Welten: den Klüngel und die verkrusteten Hierarchien des alten Systems, gepaart mit der Kurzsichtigkeit und Beschleunigung des Neoliberalismus. Natürlich kann ich nicht beurteilen ob das deutsche Theatersystem schlimmer ist als Goldman Sachs (was wäre das überhaupt für ein alberner Vergleich?), aber auch ein Blogeintrag will angeklickt werden, ne?

Nein, ich bin froh und dankbar am Theater zu arbeiten, aber es erfordert schon einen gewissen Masochismus. Herr H. sagt noch ein paar Sachen über meine Inszenierung, die ich hier aus falscher Bescheidenheit nicht wiedergeben werde. Auch Masochisten werden manchmal belohnt.

Dieser Beitrag wurde unter Ich, Kunst abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s