Das falsche Leben im Falschen – Über die Fernsehserie „The Americans“

Entgegen anders lautender Gerüchte findet die Qualitätswelle im amerikanischen Fernsehen nicht ausschließlich auf Bezahlkanälen statt. Der Free-TV Kabelsender FX zum Beispiel profliert sich seit ein paar Jahren mit Serien, die ein vergleichsweise geringes Budget aber sehr große künstlerischer Freiheit genießen. Eine dieser Serien ist „The Americans“.

Die Hauptfiguren sind Philipp und Elisabeth, die gar nicht Philipp und Elisabeth heißen, aber deren echte Namen wir nie erfahren. Sie tun so als seien sie ein durchschnittliches amerikanisches Paar, das in den 80ern in einem Reisebüro arbeitet, aber in Wirklichkeit sind sie eingeschleuste KGB-Agenten. Da wohnen sie nun, die beiden russischen Spione, in ihrer arrangierten Ehe, mit ihren amerikanischen Kindern in einem Vorort von Washington DC und schlittern, als sich der Kalte Krieg unter Ronald Reagan langsam wieder erhitzt, von einer Katastrophe in die nächste.

Der wichtigste Kniff, dessen sich die Serie dabei bedient, ist dass die beiden Agenten um nicht aufzufallen kein russisch mehr sprechen dürfen. Das macht einerseits die Besetzung mit zwei angelsächsischen Schauspielern plausibel und andereseits treibt es die Entfremdung und Isolation der beiden auf die Spitze. Sie leben ein falsches Leben, und ihr „eigentliches“ Leben, das Leben davor, das sie sich trotz des strikten Verbots des KGB irgendwann gegenseitig erzählen, kann sich auch nur in der falschen Sprache ausdrücken: dem Amerikanischen, mit all seiner freundlichen Oberflächlichkeit. In einer Rückblende erleben wir, wie Philipp und Elisabeth einander vorgestellt werden, beide schon in character, noch in Moskau. „Philipp, meet Elisabeth“ sagt der Geheimdienstoffizier mit breitem russischem Akzent, „there is so much to talk about“ und wir blicken in die Gesichter zweier Menschen, die sich nichts zu sagen haben.

„The Americans“ ist ein Triumph. Der Serie gelingt ein schwieriger Balanceakt: einerseits ist sie sich der Künstlichkeit und Implausibilität ihres Sujets sehr bewusst und hat großen Spaß daran, es auszureizen (Perücken! Falsche Bärte! Phil Collins!), und gleichzeitig entwickelt sie eine innere Logik und einen inneren Realismus, so dass man nie das Gefühl hat, für dumm verkauft oder geblendet zu werden. Sie funktioniert als Porträt einer komplexen Beziehung, als Untersuchung verschiedener Weltanschauungen, als Spionagethriller und als Dekonstruktion Amerikas. Besonders der Alltag der beiden Kinder ist aus 80er-Jahre-USA-Versatzstücken zusammengeflickt, der Sohn beim Football und die Schwester in der Mall, wo ihr natürlich sofort ein fieser Pädophiler hinterhersteigt, den Papi dann beim Barbecue verprügeln muss. Aber es ist eben genau eine Serie, die es schafft, im Banalen das Abgründige aufscheinen zu lassen, wo CIA-Agenten ihren Vergeltungsschlag eben nicht in einer blinkenden Kommandozentrale planen, sondern im Pullunder beim Familienfest.

Dann plötzlich rasen Philipp und Elisabeth sehenden Auges gegen einen Baum. Elisabeth hatte vor ein paar Jahren bei der Zentrale angemeldet, dass sie fürchte, Philipp würde den Verführungen des Westens erliegen. Als es nun augenscheinlich einen Maulwurf beim KGB gibt, lässt die Zentrale beide foltern, um herauszufinden, ob Philipp geredet hat. Im Anschluss fingieren die beiden einen Autounfall, um eine Erklärung für ihre Wunden zu haben. Mit zusammengekniffenen Lippen befreien sie sich aus dem Autowrack, und in diesem Bild kommt alles zueinander: die Zerüttung des persönlichen Vertrauens, die politischen Differenzen, die unerfüllbaren Anforderungen des Spionagebetriebs, das Weitermachenmüssen, das Nicht-miteinander-aber-auch-nicht-ohne-einander-können. Bevor das deutsche Fernsehen wieder eine solche Meisterschaft im Erzählen entwickelt, das wird, trotz „Qualiätsprodukten“ wie „Das Verbrechen“, noch eine ganze Weile dauern.

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  1. Pingback: Die beste Serie, von der ihr noch nie gehört habt | Istina

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