Gang zum Friseur

F. hat mich gebeten einmal etwas Persönlicheres zu schreiben und so trifft es sich also gut, dass ich heute beim Friseur gewesen bin. Zumfriseurgehen ist für mich aus erblichen Gründen in der Tat ein regelrechter Gang, in dessen Wortgeschichte ja schon die Schwere der Schritte hineingesenkt ist: Gang nach Canossa, Gang zum Kreuz, walk the line.

Medusa_by_Caravaggio

Ich sitze also mit gewaschenen Haaren auf dem Friseurstuhl und muss das Unerklärliche erklären, muss der Frau mit der Schere sagen, wie die Resthaare am wenigsten schlecht zu schneiden wären. Daran kannst du ja nur scheitern, wenn dir genau in dem Moment, wo du die Erklärung geben musst, das Handtuch vom Kopf gezogen wird. So nah am Spiegel in einem öffentlichen Raum, mit anderen Menschen, RnB aus der Konserve, am Schaufenster die vorbei defilierenden Filz- und Lodenmäntel, die ihre kühlen Mitte-Blicke auf dich werfen; kurzum: Ein Moment höchster gespiegelter Einsamkeit, wo jeder Ausweg ins Retuschierte unmöglich geworden ist. Einen Moment der nackten Realität ausgesetzt, vergleichbar höchstens mit Zahnarzt und Elfmeterpunkt.

Die Frau mit der Schere ist gut aussehend, stilsicher teiltätowiert und wahrscheinlich ein klein bisschen jünger als ich. Während sie sich beim Schneiden auf Türkisch mit ihrem Kollegen unterhält, der stolz ist, weil Galatasaray gegen Real gestern vor der Welt die Haltung bewahrt hat, fühle ich mich plötzlich irgendwie alt. Nicht absolut alt und eigentlich auch nicht wirklich alt. Aber ich spüre doch so etwas wie eine diffuse Möglichkeit, in bestimmten Umgebungen irgendwie jetzt schon alt sein zu können.

Später, mit geföhnten und notdürftig nach schräg vorne gefingerten Haaren, unterhalte ich mich vor der HU mit dem Typen, der dort auf den Tapeziertischen gebrauchte Bücher verkauft. Ich suche den ersten Teil von Manns Josephs-Romanen, den ich mal vor ein paar Monaten da habe liegen sehen, und er ist natürlich nicht da. Der Typ ist verrückt, ziemlich belesen und gesprächsunfähig zweiten Grades. Das heißt, er ignoriert meine Redebeiträge nicht ganz, sondern nimmt sie immerhin als Inspiration zum eigenen Redeschwall. Ein Dialog kommt so nicht zu Stande. Nach 20 Minuten gebe ich ihm dann die Hand und gehe weiter.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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