Gefälliges Scheitern

Ich lese diesen Ausdruck auf S. 40 des Buchs Konzepte von Jocelyn Benoist; ein Autor, der, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, in einigen Jahren zu den wichtigsten Philosophen der Gegenwart gehören müsste. Er benennt präzise eine Befindlichkeit, in der es sich eine wichtige Tendenz der Philosophie und mit ihr weite Teile der Theoriebildung seit dem Durchbruch der Metaphysikkritik wohnlich gemacht hat.

Das Unvermeidliche ist passiert: Was einmal als notwendige Kritik an allen totalisierenden Wahrheitsmodellen begonnen hat, ist zu einer polizeilichen Aktivität geworden, die zunehmend selbst totalitäre Züge annimmt. Was einmal, zwar mit oft nervigem Revoluzzerpathos, aber wirklichem Anliegen und intellektuellem Mut als Diskursanalyse, Dekonstruktion, Kritische Theorie, Historisierung usw. benannt wurde, beschriftet heute die Einsatzwagen der Theoriepolizisten, die wegen ein, zwei Verdächtigten einen ganzen Straßenzug festnehmen und allen Bewohnern gleichermaßen lebenslängliche Strafen verordnen. Unter allen Polizeiberichten steht der abschließend vernichtende Satz: Alles ist konstruiert.

Aber selbst Derrida, der wohl am obsessivsten die Unentscheidbarkeit der Dinge vor Augen führen hat wollen, kann man einen solchen Satz nicht unterschieben. Nicht alles ist konstruiert, sondern alle Entwürfe von Totalität sind es. Nicht bestimmte Festlegungen sind in erster Linie zu kritisieren, sondern totalisierende Sinnsysteme, die diesen Festlegungen ihre überzogenen Ansprüche legitimieren.

Ein Blick in Derridas Texte macht das eigentlich offensichtlich. Trotzdem produzieren Horden von Doktoranden, Folgewissenschaftlern und auch Nicht- oder Hobbyakademiker nach wie vor Texte, die auf zwei- bis fünfhundert Seiten nur um ihr ewiges Mantra kreisen: Alles ist konstruiert. Alles Denken ist problematisch. Alles Denken kann nur scheitern. Es gibt keine Wahrheit.

Gefälliges Scheitern ist der Schmähname für alle, die es sich in der schützenden Hülle dieses Satzes gemütlich gemacht haben, eine Hülle, die doppelt schützt: Nach außen gegen die Gefahr, die Wirksamkeit einer Theorie zu zeigen. Nach innen gegen die erst gar nicht notwendige Kritik an eigenen Festlegungen.

Entschlackungsgifte gegen das Gefällige Scheitern gibt es bisher wenige, schon darum, weil der große Antipode von Derrida & Co., die Analytische Philosophie, außer Ignoranz, Verhöhnung der angeblichen Unklarheit der sog. French Theory, naivem Machbarkeitsoptimismus und manchmal bis ins Absurde gesteigerte Hochspezialisierung kaum etwas anzubieten hat. Weit wirksamer ist dagegen Benoists Projekt, das er ganz einfach Realismus nennt.

Grundsätzlich geht Benoists Realismus von drei Überzeugungen aus, die einem jeden Denken für das 21. Jahrhundert den Weg weisen:

  1. Es gibt eine Wirklichkeit, die nicht von unserem Denken hervorgebracht wird.
  2. Das Denken finden nicht außerhalb, sondern innerhalb dieser Wirklichkeit statt.
  3. Das Denken ist selbst wirklich, real.

Diese drei Dinge reichen nicht aus, um die Genialität und die Tragweite von Konzepte zu ermessen. Aber sie reichen aus, um mit einigen Grundsätzen aufzuräumen, die Gefälliges Scheitern anleiten:

  1. Es stimmt, dass das Denken nicht alles kann. Das Denken kann aber auch nicht nichts. Zweifel an der Allmacht des Denkens sind schlecht platzierte Zweifel, wie es am Ende des betreffenden Abschnitts heißt.
  2. Das Denken kann, was es kann, in einem bestimmten, im Denken selbst hervorgebrachten Kontext.
  3. Das Denken ist effektiv, ebenso effektiv, wie es der Kontext seiner Aufgabe und die konzeptuelle Kraft seiner inneren Struktur zulässt.
  4. Die begrenzte Effektivität des Denkens kann nicht durch eine allmächtige, hypereffektive Praxis des Nicht-Denkens ersetzt werden (Intuition, Gefühl oder Esoterik).
  5. Es gibt Situationen, in denen das Denken schlicht und einfach nicht gebraucht wird. Es kommt darauf an, dort zu denken, wo das Denken vom Realen gefordert wird.

Am Ende des Abschnitts, in dem der Ausdruck Gefälliges Scheitern auftaucht, steht: Die Wirklichkeit wartet nicht. Dieser Satz gilt, aber er gilt nicht mehr als je zuvor, sondern so, wie er immer schon hätte gelten müssen. Es wird im 21. Jahrhundert darauf ankommen, die Philosophie des gefälligen Zauderns durch Philosophien der mutigen Überstürzung zu ersetzen. Es wird aber auch darauf ankommen, sich nicht von einem Dispositiv der Machbarkeit verführen zu lassen, das der analytischen Spezialisierung den Weg weist. In einem Denken, das auf das Reale gerichtet ist, dem Realen, dessen Teil wir auch da noch sind, wo es es sich uns auffordernd entgegenstellt, darf nicht der Wert vergessen werden, der dem Zweifel, der zweitursprünglichsten aller Philosophentugenden (1 = Staunen), zukommen kann. Aber dieser Zweifel wird zeigen müssen, dass er richtig platziert ist. Erst dann wird er gültig sein.

Über Samir Sellami

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3 Antworten zu Gefälliges Scheitern

  1. Pingback: Warum das deutsche Theatersystem schlimmer ist als Goldman Sachs | Istina

  2. stefan schill schreibt:

    das Wort Umwelt beschreibt eine ‚Natur‘,
    die man von außen betrachtet
    und der man von innen angehört

    sobald ein Mensch existiert,
    gibt es keine unberührte Natur mehr
    sondern nur noch dessen Kulturlandschaft

    und diese Kulturlandschaft ist eben keine Gegennatur,
    welche technokratisch zensiert wurde,
    sondern ein reichhaltiger Garten

    der Gärtner betrachtet die bereits vorhandene Umwelt als Wunderwerk Gottes
    und schöpft in seiner Tradition weiter

  3. Pingback: Grabsprüche auf den Postmodernismus III | Istina

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