Deutschland im Frühling

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Vor ein paar Tagen treffe ich M. M. ist Schauspieler aus Mexiko. Vorletztes Jahr im Herbst war er Teil eines Projektes das ich in Mexiko-Stadt gemacht habe und jetzt ist er in Berlin für eine internationale Koproduktion an einem Stadtheater. Die Proben sind kurz und in einer Woche hat er schon Premiere. Nachdem wir uns tagelang erfolglos versucht haben zusammenzutelefonieren, begegne ich ihm nun Unter den Linden an der Pforte des Theaters, eine Stunde nachdem wir uns verabredet hatten. Wir nehmen uns in den Arm. Ich erinnere mich daran, dass er der schwierigste von den Schauspielern in Mexiko war. Er war auch der hübscheste. Wie die meisten Mexikaner ist er ziemlich klein. Nicht gedrungen, eher zierlich. Ein zierlicher Mann. Er trägt den gleichen übergroßen Kaputzepulli, den er damals schon die ganze Zeit anhatte. Weil sie oft in ihren eigenen Klamotten Proben müssen, sind Schauspieler in Mexiko so angezogen wie Tänzer hierzulande: Trainingshose, Schlabberpulli. Mexiko ist eh nicht das Land für Mode. Zu wenig Geld dafür.

Ich beschwere mich halb scherzhaft, dass ich eine Stunde in der Kälte auf ihn gewartet habe. Was ist schon eins? sagt er mit gespieltem Erstaunen und gespielter Entschuldigung. Wie dem auch ist, er hat jetzt vier Stunden Zeit. Vier Stunden? denke ich. Ich dachte wir gehen nur was essen. Was er denn schon von Berlin gesehen hat? Nichts. Großartig. Ich bin der schlechteste Touristenführer der Welt. Weil mir nichts anderes einfällt, machen wir uns auf dem Weg zum Brandenburger Tor.

Wir quatschen. Wir haben damals sicher nicht so viel geredet wie jetzt. Es ist ein stetiger, schneller Strom von leisem Spanisch, dem ich so gut es geht hinterherstolpere. Alles was damals auf der Bühne zu klein, zu schnell, zu leise, zu verschnauft und unkonzentriert war, ist jetzt im privaten sehr liebenswürdig. Viel Pantomime, viel angedeuteter Slapstick, hintersinnig rollende Augen, ironische Grimassen. Ich entschuldige mich mehrfach bei ihm, dass mein Spanisch wieder so schlecht geworden ist. Außerdem versichere ich ihm, dass Deutschland im Frühling nicht immer so kalt und grau ist wie jetzt. Ich sehe, dass er mir nicht glaubt.

Vor dem Pariser Platz steht eine große schwarze Tafel mit Daten über den Holocaust. Er fragt mich was das ist und ich erkläre es ihm. Er macht einen Witz den ich hier nicht wiedergeben kann. Ich sage ihm, dass er Gedenktafeln und Mahnmalen dieser Art noch viel begegnen wird in dieser Stadt. Neben dem Reichstag macht er ein Foto von den Kreuzen für die Mauertoten. Daneben führt ein Pfad durch die Bewaldung. Wir folgen dem Pfad und finden uns unversehens am Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma wieder. „Betreten des Mahnmals auf eigene Gefahr! Glatteis!“ steht auf einem Hinweisschild und ich beiße mir jetzt noch in den Arsch, dass ich davon kein Foto gemacht habe. Weil ich die Skulptur nicht wirklich mag – ein kreisrunder Teich mit Blume drin – beschließe ich ihm noch das Mahnmal für die ermordeten Juden zu zeigen.

Als wir davor stehen – der Anblick löst in mir wie jedes mal ein Gefühl der Gespannheit und Ruhe aus – fragt er mich, ob das Grabsteine sein sollen. Ich sage ihm der Künstler hat sich nicht dazu geäußert. Oder es ist eine graue Welt, sagt er, eine graue Welt mit grauen Häusern für graue Menschen. Wir gehen hinein. Er macht wie verrückt Fotos. Von der Theaterprobe hat er noch zerkratzten pinken Nagellack an den Fingern. Er legt die Hand mit dem Nagellack auf eine Stele und macht davon mehrere Bilder. Oh Kunst! rufe ich. Das stellst du jetzt gleich auf Facebook, ne? Natürlich, sagt er und grinst. Wir sehen Kinder fangen und verstecken spielen. Jetzt habe ich es verstanden, sagt er. Es ist eine Erinnerung an das schlimme Verbrechen, die einen aber dazu bringt spielen zu wollen und fröhlich zu sein. Das ist das Kunstwerk! Ich nicke.

Wir machen uns auf die Suche nach einer Zahnbürste. Die Mexikaner kompensieren die generelle Schmutzigkeit ihres Landes damit, dass sie sich ständig die Zähne putzen. Wir haben damals deswegen auch immer mal wieder die Probe unterbrochen. Jetzt hat er seine Zahnbürste im Hotel vergessen und wird langsam nervös. Leider begegnen wir nur Souvernirshops. Während er erfolglos nach der Bürste sucht, stehe ich neben der Kasse und sehe einen behälter voller grauer Steinbröckchen, an die jeweils ein Pappkärtchen mit der Aufschrift „ZERTIFIKAT – Originalstück der Berliner Mauer“ angebracht ist. Ich frage ihn ob er so ein Steinbröckchen kaufen möchte. Er verzieht das Gesicht. Ich lache.

Auf dem Weg zurück zum Theater zeige ich ihm noch die Neue Wache. Als er durch die Gitterstäbe auf  Käthe Kollwitz‘ „Mutter mit totem Sohn“ sieht seufzt er nur noch. Another happy place, sagt er. Ich übersetze ihm die Gedenktafel. Für alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Ja, und die Deutschen sind an allem Schuld, ruft er und grinst schadenfroh. Die letzten Schritte zum Theater erzählt er mir von spanischen Studenten in einer Bar in Madrid die sich bei ihm für den Kolonialismus entschuldigten und sich schämten was sie ihm und seinem Land angetan hätten. Er zuckt mit den Schultern. Ich auch. Wir nehmen uns in den Arm und gehen unserer Wege.

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