Zur Ehrenrettung des Begriffs Toleranz

In fortschrittlichen, akademischen Kreisen ist es seit einigen Jahren sehr populär auf den Begriff Toleranz zu spucken.  Das ist verständlich. „Toleranz“ ist eine Bundespräsidentenvokabel der schlimmsten Sorte,  Aufhänger für unzählige bräsige und verlogene Reden und Überschrift für nutzlose Volkshochschul-Symbolpolitik. Toleranz verlangt niemandem etwas ab, schon gar nicht der Mehrheit. So lange wir alle ein bisschen netter zu den N—rn und Schwuchteln sind, muss sich keiner verändern.  Kein Wunder also, dass sich die Ablehnung für diesen Begriff in immer weitere Höhen schraubt. Den Vogel hat wohl letztes Jahr der Münchner Theatermacher Bülent Kullucku abgeschossen, als er in einem Interview sagte „Toleranz, das hätte Hitler gesagt“.

So schmissig diese Kritik auch ist, Toleranz hat sie nicht verdient.  Denn zugrunde liegt diesem Begriff ein ganz radikales Konzept: Dass Menschen, die vielleicht auf unversöhnlichen politischen Standpunkten stehen, die die Lebensweise des anderen vielleicht kategorisch ablehnen, die sich vielleicht auf den Tod nicht ausstehen, trotzdem friedlich nebeneinander leben können. Toleranz heißt, dass es egal ist, was man von der oder den oder dem anderen hält, weil es eine soziale Übereinkunft gibt, dass man unterschiedliche Lebensweisen und deren öffentliche Ausdrucksformen prinzipiell zu akzeptieren hat. Toleranz ist, man ahnt es, eine Grundvoraussetzung für eine pluralistische Demokratie. Sie kann große gesellschaftliche Vielfalt, und durch diese Vielfalt gesellschaftlichen Wandel hervorbringen, gerade weil sie den Leuten nicht vorschreibt, was sie zu denken haben. Bevor wir gemeinsam etwas verändern können, müssen wir uns erstmal kennenlernen. Und kennenlernen können wir uns nur, wenn wir uns gegenseitig in unserer Schlimmheit tolerieren. Sie ermöglicht uns Leute kennenzulernen  obwohl wir ihr Weltbild furchtbar finden und sie unseren Lebenswandel für verlottert halten. Und wer weiß, vielleicht werden gerade das unsere besten Freunde oder unsere solidarischsten Bündnispartner.

Nicht dass ich hier falsch verstanden werde: Toleranz ist keine glamouröse Angelegenheit. Sie ist das Schmiermittel der Gesellschaft. Sie ist nicht das Ziel, sie ist eher der Anfang. Und sie hat ihre Schattenseiten, wie eingangs beschrieben. Es kommt immer darauf an wie ernst man sie nimmt und wie ehrlich man sie praktiziert. Wie sehr gerade die Mehrheit bereit ist Dinge zu dulden, die ihr wirklich nicht gefallen. Ob man als bigotter Mann schulterzuckend an einer Unisex-Toilette vorbeilaufen kann oder eine alberne Kolumne darüber schreiben muss.  Und natürlich ist es wichtig sie einigen Personen, Gruppen und Ideen nie zu gewähren, und sie anderen immer wieder strategisch zu entziehen. Nur sollte man sich, wenn man das tut, nicht vorgaukeln, Toleranz sei an sich ein Übel.

Jetzt habe ich das Wort so oft benutzt, dass ich mir vorkomme als habe ich als Kleinstadtbürgermeister einen Skatepark eröffnet. Ja, das Wort ist eklig. Aber das Konzept ist es nicht.

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