Komm Süßer Tod

Radiohören ist eine anachronistische Tätigkeit, eine der schönsten, die ich kenne, meistens schöner als lesen. Zum Beispiel kommst du nach Hause, legst Jacke und Rucksack zur Seite, machst nur eine Lampe an, damit es nicht allzu hell wird, und drückst bei der Anlage auf On. Und du wirst Zeuge eines schon laufenden Telefongesprächs, dessen Anfang du verpasst hast, dessen Ende du nicht erleben wirst. Es ist wie eine Art kleinere Geburt, wie innerhalb der Welt auf eine zweite, kleinere, unvollständige Welt geworfen zu werden, eine Welt aus Stimmen, eine beinahe körperlose Welt. Insofern geht es beim Radiohören irgendwie auch immer um den Tod. Manchmal sogar ausdrücklich wie in der Studiozeit des Deutschlandfunks vom 19.3. (nachzuhören beim SWR).

Wenn du vom Tod sprichst, musst du entweder alles sagen, oder nichts. Der Tod ist ein unsagbares Thema. Ein Thema jenseits der Kultur. Dabei hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass es kulturelle Unterschiede beim Sterben gibt. Gibt es aber nicht. Es ist etwas anderes, über den kulturellen Umgang mit dem Tod zu reden als über den Tod selbst. Etwas anderes über Begräbnisrituale, ikonographische Darstellungen, allegorische Erzählungen zu reden als über den Tod selbst. Über diesen Moment jenseits der Kultur, in dem ein Mensch stirbt.

Ich höre also, dass der Tod in Indien in der Mitte der Lebenden steht. Und werde daran erinnert, dass die Mexikaner ein eigenes Fest für den Tod haben. Und die Wiener ein eigenes Museum. Und ich weiß nicht mehr, ob ein Satz von Anaxagoras in dem Radiobeitrag gesagt wird oder ob er anderswo herkommt: „In den Hades steigt man von überall und immer auf die gleiche Weise herab.“

Vielleicht ist das alles, was sich vom Tod, vom Tod selbst, sagen lässt. Oder man nimmt alles, was sonst noch gesagt wird, und schreibt es mit einem Nein! neu hin: Es gibt keine Gelassenheit im Angesicht des Todes. Es gibt keine Einübung in den Tod. Der Tod hat keine Geschwister, auch nicht den Schlaf. Der Tod kann nicht bejaht werden. Nicht einmal Selbstmörder bejahen den Tod. Selbstmord begehen sie immer nur aus Verzweiflung, niemals aus Furchtlosigkeit. Der Tod spendet keinen Sinn, denn es gibt keinen Sinn. Der Tod ist keine Wirklichkeit, er ist das Ende der Wirklichkeit. Der Tod kann nicht begrüßt werden, wie einer, der kommt und geht, er ist überall und führt dich nirgendwo hin.

Auch als Wort ist der Tod überall. Immer wenn ich ihn höre, denke ich an etwas anderes, nie zweimal an das Gleiche. Jetzt zum Beispiel an Philip Roth, der gerade seinen 80. Geburtstag erreicht hat. Am Ende von Everyman heißt es:

He was no more, freed from being, entering into nowhere without even knowing it. Just as he’d feared from the start.

Happy Birthday, Philip Roth! Möge dir die Befreiung vom Sein noch lange erspart bleiben.

Über Samir Sellami

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