Dogma. Ein Roman aus Ideen

In diesem Moment lese ich den letzten Satz eines schönen und kurzen Romans mit dem Namen Dogma. Ein 2011 erschienenes Buch von Lars Iyer, Engländer, Philosophiedozent in Newcastle, als solcher spezialisiert auf coole und schwer lesbare französische Philosophen (Bataille, Blanchot, Levinas), coole und ziemlich schwer lesbare deutsche Philosophen (Benjamin, Scholem, Rosenzweig), coole andere Philosophen (Kierkegaard) und uncoole deutsche, schwer lesbare Philosophen (Heidegger).

Dogma ist der zweite Teil einer Trilogie, deren erster Teil Spurious heißt und deren dritter Teil Exodus heißt. Außerdem schreibt Iyer auch einen Blog, der ebenfalls Spurious heißt.

Worum geht es in Dogma? Es geht um den Untergang der Welt, um unseren Untergang der Welt (denn jede Epoche hat ihren eigenen Weltuntergang, ihre eigenen Weltuntergänge). Darum, wie W. und Lars, zwei Intellektuelle, die am Rande der englischen Landkarte leben und lehren (Plymouth unten links, Newcastle oben rechts), diesen, unseren, ihren Untergang erleben oder auf ihn warten oder ihn vorausahnen, ohne ihn erleben zu dürfen. Darum, wie schön Spekulation sein kann, wenn sie aus ihrem theoretischen Bergmassiv (siehe oben) herausgetrennt und so oft wiederholt wird, bis man sie irgendwann sehen kann. Und es geht auch um die Notwendigkeit, irgendwann im Leben eine Bewegung zu gründen, die die Welt verändern und kläglich daran scheitern wird, am besten zu zweit, mit und gegen den Willen des anderen.

Ich will es nicht weiter hinauszögern (denn jede Leserin von Buchempfehlungen hat das Recht auf eine Gattungsbezeichnung), das Unvermeidliche Verpönte, beinah Obszöne aussprechen: Dogma ist ein Ideenroman. Zum Glück gibt es zwei grundverschiedene Arten Ideenromane: Romane über Ideen, die unerträglich sind und den Löwenanteil aller Ideenromane ausmachen. Und Romane aus Ideen, die schön sein können und von denen es nur wenige gibt. Ohne Frage ist Dogma ein Roman aus Ideen.

Was ist das Besondere an Iyers Logo-Poetik? Dass er uns, anders als ein ÜberIdeenRoman, mit unwahrscheinlichen Liebesszenen zwischen Männern, die schon Romane schreiben, und jungen Dingern, die noch Gedichte lesen, budgetarmen Verfolgungsjagden und sinnloser Gewalt, kalenderbild-oder-spruchinspirierten Naturbeschreibungen und Adjektiven am Satzanfang konsequent verschont. Stattdessen schreibt er genauso konsequent darüber, was er kennt: über Bücher, Artikel und Texte, über Vortragsreisen und Konferenzen, über Zitate und Argumentationsmuster, über Bier auf Bier in den Pubs und die Entropie der Vermüllung zu Hause.

Die Ideen und ihre Begleiter (Bier und Verzweiflung) sind die einzigen Gegenstände dieses Romans, der von Gegenständen vielleicht etwas mehr als von Ideen, aber am Ende doch auch von ihnen nicht mehr viel halten kann.

So gesehen könnte der Roman von Marcel Duchamp geschrieben sein, wenn Duchamp nicht schon genug mit dem Schreiben der Gedichte von Nicanor Parra zu tun gehabt hätte. Er ist aber von Lars Iyer geschrieben worden. Und zwar so, dass inmitten der größten Ideenwut nach und nach der Rhythmus der Sprache die Oberhand gewinnt. Die Ideen werden vom Inhalt zum Ornament. Eine derartige Versteifung auf das Ornamentale der Ideen kennt ein deutscher Leser vielleicht sonst nur von Thomas Bernhard. Und in der Tat: Iyer schreibt zum Beispiel wie ein Thomas Bernhard ohne Wutausbrüche. Und das Erstaunliche daran ist, dass es gelingt. (Was uns im Umkehrschluss sagt, dass Bernhard mehr ist als nur Wut und Wiederholung.)

Neben dem Recht auf Gattungsbezeichnung gibt es natürlich auch das Recht des Lesers auf Zitate. Und obwohl der Gehalt des Romans eher rhythmisch erlebt als logisch wird, kann auch aus Dogma zitiert werden, zum Beispiel so:

Sometimes he swears he hears a voice within our own, W. says. He can hear it, he says, on the threshold of audibility, a little like the grinding of Pythagoras’ celestial spheres. Only this time it’s idiocy itself that grinds itself out. This time it’s the amazing force of idiocy, a solar wind sweeping through empty space.

Idiocy itself, der Fleisch gewordene Stumpfsinn der Welt, die Schönheit des stummen solaren Winds, der nach dem Ende des Menschen noch wehen wird. Wenn ich die Wahl habe zwischen so etwas und dem verstaubten Lyrismus der deutschen Gegenwartsliteratur, ist die Entscheidung mehr als leicht.

Der letzte Satz, den ich natürlich in Wirklichkeit mindestens 7 Minuten vor dem Schreiben dieses Eintrags gelesen habe, wird selbstverständlich nicht verraten. Nur so viel: Beschreibungen von Himmel und Wolken oder dem kalten Meer oder der kalten Luft oder mit Gras überwachsener Bahngleise, Beschreibungen, die von deutschen Gegenwartsautoren und deutschen Gegenwartskritikern zu gleichen Teilen geliebt werden, sind es nicht.

Über Samir Sellami

istinalog.net
Dieser Beitrag wurde unter Ich, Kunst, Natur abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Dogma. Ein Roman aus Ideen

  1. Pingback: Nackt in deiner Badewanne, den Abgrund beobachtend | Istina

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s