Shakespeare, Agamben und Kevin Spacey


Viel ist schon an anderer Stelle über „House of Cards“geschrieben worden, vor allem darüber, dass die Serie von der Online Videothek Netflix produziert wurde und alle 13 Folgen auf einmal online standen. Ich möchte hier aber über eine, wie ich finde, sehr bemerkenswerte inhaltliche Qualität der Serie sprechen. Die Bezeichnung „moderner Shakespeare“ oder „shakespearianisch“ wird ja derzeit sehr lose verwendet und ist auf viele Serien wie die „Sopranos“ und „The Wire“ schon draufgepappt worden. Ich habe aber bis jetzt noch keine Sendung und keinen Film gesehen (ich glaube nicht mal wirkliche Shakespeare-Verfilmungen), die mich so sehr an Shakespeare gemahnt haben wie „House of Cards“.

Die beiden Hauptautoren, die schon für die Originalserie der BBC 1990 verantwortlich waren, geben offen zu, dass die Hauptfigur Frank Underwood an Richard III angelehnt ist. Wie Richard III ist Underwood ein zu kurz Gekommener in der höchtsten Etage der Macht, der nun beschlossen hat, sich mit allen unredlichen Mitteln bis ganz nach oben durchzubeißen. Wie Richard III redet Kevin Spacey ohne das Wissen der anderen Figuren mit dem Publikum, kündigt ihm seine nächste Intrige an und zelebriert seine Sentenzen. Ihm gegenüber seine Frau, Claire Underwood, ganz klar eine Version der Lady Macbeth. Kalt, ehrgeizig und von Gewissensbissen geplagt. Im einen Moment sehen wir sie, ohne eine Miene zu verziehen, die Hälfte ihrer Belegschaft feuern, im nächsten Moment joggt sie aufgewühlt über einen Friedhof.

Es ist aber nicht nur die offensichtliche Verwandschaft dieser und vieler anderer Figuren, die diese Serie so shakespearianisch macht, es ist auch die Art und Weise, wie sie ihr Weltbild entwirft. Sie ist eine Studie darin, welche Art Gesellschaftskritik die Mittel Shakespeares heute leisten können und welche nicht. Von vielen Seiten ist der Serie Zynismus vorgeworfen worden. Insbesondere von der amerikanischen Kulturbloggerin Alyssa Rosenberg (deren Blog für jeden, der sich tiefer für US-Popkultur interessiert, Pflichtlektüre ist). Sie kritisiert die Serie dafür, sich in ihrer vermeintlichen Abgebrühtheit zu suhlen, die Machtspiele Underwoods zu feiern und sich für die Bevölkerungsgruppen, die die folgen dieser Machtspiele ausbaden müssen, nicht zu interessieren. In all dem hat sie recht. Gleichzeitig folgt „House of Cards“ auch hier seinem Vorbild.

Shakespeare war kein Sozialrevolutionär und er hat die Monarchie, die ihn leben und arbeiten ließ, nie in Frage gestellt. Macbeth hat schon Hundertscharen „mit dem Schwert dampfender Exekution“ auf dem Schlachtfeld niedergemäht, bevor er nach dem Mord an König Duncan Gewissensprobleme bekommt. Die Königsdramen sind Propaganda für das damals herrschende Geschlecht der Tudors, deswegen konnte er die Könige der Lancasters und Yorks als korrumpierte Fieslinge darstellen. Wenn doch eine Figur einer tiefen sozialen Schicht eine Kritik formuliert, so ist diese universell, eine Kritik an der ganzen Welt, an der Schöpfung an sich.

In zwei Momenten in „House of Cards“ findet sich diese elementare, geradezu philosophische Kritik wieder. Einmal drückt Claire in einem Anfall von Gewissensplage einem Obdachlosen eine 50-Dollar-Note in die Hand. Als sie am nächsten Morgen wieder an ihm vorbeikommt, wirft er ihr den Geldschein wieder zu: er hat einen Origami-Vogel daraus gefaltet. In seinem Blick ist keine Anklage. Es ist keine Zurückweisung ihrer Geste, oder ihrer Arroganz. Es ist eine Zurückweisung des Geldes an sich. An einem früheren Punkt der Serie verlässt Underwood gerade das Kapitol, als neben ihm auf dem Bürgersteig ein nackter Mann in Polizeigewahrsam genommen wird. Es ist nicht ganz erkennbar, ob der Mann einem Irrenhaus entlaufen oder Teil einer radikalen Protesbewegung ist. Sein Gesicht ist voller Schmerz und seine Schreie sind wortlos. Als Underwood sich zu ihm herunterbeugt, verstummt er wie ein Tier. „It’s no use“, sagt Underwood zu ihm, „No one can hear you„. Hier manifestiert sich nicht nur Shakespeare, sondern auch die Philosophie des nackten Lebens, wie Giorgio Agamben sie in seinem Buch Homo sacer entwirft. Das nackte Leben, das Leben, das aus der Gesellschaft ausgestoßen, aber gleichzeitig der völligen Willkür der Gesellschaft unterworfen ist, weder des Lebens oder des Sterbens noch wert, dessen Schreie wir nicht hören, selbst wenn es direkt neben uns steht. Für Agamben ist die Beziehung zwischen dem nackten Leben und dem Herrscher, der die Macht über dieses Leben hat, die Grundbeziehung der Politik. „House of Cards“ schafft es, den Geist Shakespeares so zu emulieren, dass diese Art von Momenten, die philosophische Grundprobleme sinnlich machen, wieder möglich wird.

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