Keine Natur mehr

Landliebe

Ich kann mich noch erinnern, als ich mit ungefähr neun Jahren das erste Mal einen Werbespot für Landliebe-Joghurt sah. Vor einem sonnendurchtränkten Hügel standen blonde Fotomodelle in regional nicht zuordnenbaren Trachten und rührten „Landfrüchte“ mit guter „Landmilch“ zu eben besagtem Joghurt. Den ganzen Spot über wartete ich darauf, dass man mir verraten würde, wo denn dieses Land eigentlich sei, von dem die ganze Zeit die Rede war. Vergeblich. „Ist doch klar, dass das alles gelogen ist“, sagte ich mir, und es schien mir völlig schleierhaft, wie irgendjemand auf diesen billigen Manipulationsversuch reinfallen könnte (Ich war, wie man vielleicht merkt, ein durchaus altkluges und nerviges Kind).

Der britische Umweltjournalist George Monbiot erzählt die Geschichte von Touristen, die nach Afrika gereist sind, weil sie eine schöne Dokumentation über die Savanne in der BBC gesehen haben, voll von Löwen, Gnus, Zebras etc. Als sie nun selber in der Savanne stehen, sind dort kaum Tiere zu sehen, sondern vor allem Menschen, Jeeps, Pick-Up Trucks und in der Ferne Schornsteine. Schockiert rufen sie die lokale Naturschutzbehörde an und beschweren sich: „Es ist ein Skandal! Uns wurden Löwen, Gnus und Zebras versprochen, aber hier gibt es nur Dreck und Menschen und Autos!“. Die Naturschutzbehöre antwortet ihnen: „Gut, wir sorgen dafür, dass die Leute verschwinden.“ Es gibt nur noch sehr wenige Ökosysteme irgendwo auf der Erde, so Monbiot, die nicht tiefgreifend vom Menschen beeinflusst werden.

Das ist unser Doppelverhältnis zur Natur: Einerseits zerstören wir sie, und andererseits verklären wir sie, und die massive Zerstörung wird erst möglich, weil wir sie verklären, weil wir die Natur aus unserem Alltag getilgt haben, weil die Natur immer da ist, wo wir nicht sind, weil unser Bild von ihr geprägt ist durch geschönte Dokumentationen und Zeichentrickfilme, in denen Tiere, die sich eigentlich zerfleischen würden, zusammen cheesy Musicalnummern singen.

Slavoj Zizek fasst die Lage in seinem Buch „Auf verlorenem Posten“ (2008) folgendermaßen zusammen:

Ja wirklich, was wir brauchen ist eine Ökologie ohne Natur: das größte Hindernis für den Schutz der Natur, ist gerade die Naturvorstellung, auf die wir uns stützen.[…]
Nehmen wir die globale Erwärmung: Angesichts all der Daten, die es darüber gibt, ist das Problem nicht die Unsicherheit über die Fakten (wie diejenigen, die vor Panikmache warnen, behaupten), sondern unsere Unfähigkeit zu glauben, dass so etwas wirklich passieren kann; man muss doch nur aus dem Fenster schauen: Da ist das Gras, der blaue Himmel, das Leben geht weiter, die Natur folgt ihrem Rhythmus…

Es ist Zeit sich von den Begriffen „Natur“ und „Umwelt“ zu verabschieden. Die Natur ist nicht „um“ uns, die Natur sind wir. Wir und die von uns technisch unterhöhlte Biosphäre. Es ist Zeit dafür Verantwortung zu übernehmen. You break it, you own it. Und meine Fresse, was haben wir da kaputt gemacht.

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