HomoEhe: Neue Nicht-Argumente dagegen

Das einzig Nennenswerte an der Debatte um die sogenannte HomoEhe ist, dass es gar keine sein kann. Denn die Gegenseite hat nicht einfach nur schlechte Argumente, sondern gar keine.

Das einzig Nennenswerte an Enrico Ippolitos tazArtikel (hier) ist, dass er der hochhomogenen Gegenseite eine neue Benutzergruppe hinzufügt: die Kritikerinnen der HomoEhe aus der LGBTIQ-Community (Lesben, Gay, Bi, Trans, Inter, Quest…). Implizite These: Es bedarf keiner Identität als konservativer CSU-Mann, um ohne Argumente gegen die HomoEhe zu sein. „Wir“ (= die schrille Minderheit) sind auch dagegen.

Wir?

Das sind die Marginalisierten. Das sind die, die am Rande der Gesellschaftsnormen stehen. Das sind (wenn es ein Label geben soll) die Queeren. Menschen die Machtverhältnisse, Gesellschaftsstrukturen und Geschlechteridentitäten hinterfragen. Nicht nur theoretisch.

Und natürlich zählt sich Ippolito (nicht nur theoretisch) zu diesen Helden des Andersseins, und natürlich glauben wir, dass er über die kostbare Gabe verfügt, der ihm die Gedanken all seiner MitHelden aufschließt und zur Aussage berechtigt, „wir“ alle seien dagegen, und natürlich ist es deshalb auch nicht notwendig, dass wir uns weiter mit diesem „Wir“ aufhalten, sondern können gleich zu Ippolitos AdhocKritik weitergehen.

Die besteht aus zwei Teilen: 1. Die HomoEhe löst nicht alle Probleme unserer Gesellschaft. 2. „Die Homo-Ehe bietet den eh schon Privilegierten nur noch mehr Privilegien.“

Zu 1.: Danke für diese scharfsinnige Beobachtung…

Zu 2.: Da ist durchaus was dran, gehört aber nicht ganz hierher. Das kritische Stichwort ist hier „Homonormativität“, ein von der Gendertheoretikerin Lisa Duggan geprägter Begriff. Eine anschaulichere und lustigere Beschreibung der HomoHerrschaft als bei Ippolito gibt es fiktional zu lesen in Michail Witkowskis Roman Lubiewo (dradioKritik hier).

Nochmal zu 1.: Es ist natürlich richtig, dass durch Gesetzesänderungen allein kein gesellschaftlicher Wandel herbeizuführen ist. Aber dass durch Gesetze nicht alles besser wird, ist auch nie ein Grund gegen sie. Es kann höchstens darum gehen, Gesetze so zu verändern, dass gesellschaftlicher Wandel ein wenig weniger unwahrscheinlich wird. Eine sichere Methode für sozialen Fortschritt gibt es nicht, rechtliche Normalisierung ist aber mit Sicherheit nicht die schlechteste unter den unsicheren Methoden. Im Übrigen kann ich beim besten Willen in der HomoEhe keine Gefahr für eine Debatte über die rechtlichen, steuerlichen und sozialen Lebensbedingungen von Verheirateten, Nichtverheirateten und anderen Lebensgemeinschaften sehen, sondern eher noch einen Impuls, der eine solche Debatte (es wäre dann eine echte) in Gang bringen könnte.

Natürlich ist die Kategorie der Ehe für sich genommen Unsinn, aber sie ist ein realer Unsinn. Solange sie als realer Unsinn existiert, sollte es der Menge aller möglichen deutschen Paare rechtlich möglich sein, sich dieser heil- oder unheilsamen Fiktion offiziell hinzugeben.

Und das wird nach Einführung der HomoEhe so sein (unabhängig von H, L, G, B, T, I, Q oder sonst etwas).

Über Samir Sellami

istinalog.net
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