Unterscheidungen

Militanz ≠ Fundamentalismus

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Silvester in Babylon

WP_20150101_006tl;dr: Hier steht noch einiges andere über meinen Aufenthalt in Shanghai, wenn ihr nur über die Massenpanik lesen wollt, klickt hier.

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China ist ein sensationelles Land, aber es ist auch ein Land, das für viele Ausländer, insbesondere für Touristen wie uns, schwer zu begreifen, schwer zu fassen, und immer wieder schwer auszuhalten ist. Mein Vater wacht am Silvestermorgen aus einem Traum auf, der all seine merkwürdigen Erfahrungen hier kondensiert. In diesem Traum, so erzählt er uns, sollte neben dem marokkanisch eingerichteten Restaurant mit spanischer Küche namens Barbarossa, wo wir gestern gegessen haben, ein neues Museum eröffnet werden, nämlich das Sino-Jewish Museum of Bullfighting, in Anwesenheit des berühmten sino-jüdischen Stierkämpfers Hyman Chang.

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Am gleichen morgen lese ich in der englischsprachigen Zeitung Shanghai Daily vom sogenannten AIDS Demolition Team, ein Team von HIV-positiven Leuten, dass von einer staatlich beauftragten Baufirma beschäftigt wurde, um Leute unter der Androhung der Ansteckung mit HIV dazu zu bewegen, ihre Häuser abreißen zu lassen. Die absurde Grausamkeit dieser Nachricht macht uns fertig. Im Aufzug bekommen wir einem Lachkrampf als hätten wir gerade gemeinsam Opium geraucht. It’s all in a days work for the AIDS Demolition Team. Als wir unten ankommen sagt meine Mutter, rot im Gesicht, tränenüberströmt, außer Atem “So, und jetzt kommt der Schröder!“. Und das Erste, was wir in der Lobby sehen, ist Doris Schröder-Köpf, gefolgt von ihrem Mann. Weiterlesen

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Das HIV-Abrissteam

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In der englischsprachigen Zeitung “Shanghai Daily” lese ich heute einen Artikel, der nicht nur dem Genre der Chinawachstumkrasserscheißnachrichten die Krone aufsetzt, sondern überhaupt zum heftigsten gehört, was ich je in einer Zeitung gelesen habe.

A Member of a central China “AIDS demolition team” said he regretted being used to intimidate residents into vacating their homes. Police in Nanyang, a city in Henan Province, are looking into allegations that the team, whose members claimed to be people living with HIV/AIDS, had threatened to infect residents who refused to leave homes scheduled for demolition under a government plan.
Nanyang officials confirmed the existence of the team, but said it had not been established by the local government.

Mann, und ich dachte es geht bei der Story um schwule Bauarbeiter, die zu sich selbst finden.

(Self-Promotion: ich habe schon mal länger über China geschrieben, nämlich hier und hier)

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Why the word “should” is destroying the left. Zitat 31

The word “should” is the worst thing that ever happened to the left. “Should” has become a virus in the contemporary left, a word that is more effective at defeating left-wing resistance than any right-wing argument ever could be. It seems like every day I read fellow leftists telling me what they should and shouldn’t have to do, rather than what they are compelled by injustice to do. “Feminists should not have to teach people the importance of feminism; it’s their responsibility to educate themselves.” Perhaps it is. But they won’t educate themselves. No one will make the world a just place but us. That’s why there is such a thing as feminism. The struggle exists precisely because the world does not fix itself and its people do not educate themselves. That’s such a basic statement of political principles it frightens me that it has to be said at all.

I ask this basic question of young leftists I meet all the time, the ones who insist to me, with great passion, that my suggestion that we have a duty to fix a broken world is itself oppression: are we winning, or are we losing? That’s what I want to know.

- Fredrik de Boer

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Die Ungeprügelten und die Nicht-Gemeinten

Für die Menschen, von denen ich weiß oder annehme, dass sie sich hin und wieder auf ISTINA verirren, mag meine Reaktion auf den Leitantrag der CSU zur „Deutschpflicht“ wenig enthalten, was sie nicht eh schon wussten. Da ich niemandes Intelligenz beleidigen will, verweise ich auf den Schluss, in dem ich eine heitere Anekdote aus meiner sportlichen Kindheit erzähle. Sie steht in einem gewissen Zusammenhang zu Einstellung & Verhalten, die durch solcherlei Manöver erhalten und regelrecht provoziert werden. Natürlich lohnt sich auch das Geschwafel davor, dass ein paar unnötige Metaphern, den ein oder anderen gutartigen Gedanken und ein paar höfliche Beleidigungen enthält.

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Im Ausland zu leben heißt unter anderem, von Zeit zu Zeit der plötzlichen Konvulsion der eigenen Tränensackmuskeln beizuwohnen, das Kinn wie in einem Kälteschauder kurz nach rechts und links auszucken zu lassen und die pyramidal zusammengeführten Fingerspitzen für einige lange Sekunden fest auf beide Schläfen zu drücken, bis es schmerzt.

Der aktuellste Anlass, derart unnatürlich verkrampft vor dem Bildschirm zu sitzen, starr vor Verwunderung, was jetzt schon wieder abgeht im Land, wo die Zitronen nicht blühen, ist der sogenannten Vorschlag der CSU zur hauseigenen Schland-Pflicht für Kanaken. Ja, Kanaken, denn Schweden und Franzosen können ja wohl kaum gemeint sein von diesem revolutionären Entwurf, das nur ein Genie von Rasse & Schlag eines Jean-Baptiste Colbert hat ausbrüten können.

Pflicht? Zwang? Bitte nicht hysterisch werden. Natürlich war alles ganz anders gemeint. Es soll ja nur „angehalten“ werden, nicht gezwungen, wie der auch sprachlich stets geniale Wolfgang Bosbach aus der Hochdeutsch- und Hochkulturmetropole Köln im Deutschlandfunk zum Besten gibt. Wie dieses Anhalten genau aussehen soll und was das Ganze in einem Leitantrag verloren hat, der unter anderem auch Kriterien dafür entwirft, was für Bayern ein guter und was ein schlechter Neigschmeckta ist, das verrät uns Bosbach natürlich nicht. Nur, dass natürlich niemand vorhat, in Familien einzudringen, zu kontrollieren und Zwang auszuüben. Das wäre ja auch nicht durchsetzbar, erläutert Bosbach. Warum dieser Zusatz, frage ich mich, und worum geht es hier eigentlich? Darum, dass etwas nicht durchsetzbar ist, oder darum, dass etwas falsch, hirnrissig und menschenverachtend ist? Weiterlesen

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Dolmetschen

Ich habe nicht wirklich eine Ausrede dafür, dass ich hier so lange nichts gepostet habe. Aber wenn man mich zwingen würde, eine Ausrede vorzubringen, dann wäre es, dass ich die letzten 9 Woche für eine Theaterproduktion gedolmetscht habe. Ich habe 9 Wochen lang den ganzen Tag geredet, aber eigentlich nichts gesagt. Ich habe über die Sätze, die ich von mir gab nicht nachgedacht und ich habe die Menschen, denen die Sätze galten, nicht angeschaut, denn ich war es ja nicht, der mit ihnen sprach. Am Anfang fand ich den Job sehr leicht. Hirn ausschalten, Filter sein. Aber da war mir noch nicht klar, wie sehr ich über Zeit alles aufsaugen würde, jede Verständigung, jedes Missverständnis, jeden Streit, bis ich davon träumen würde, jede Nacht, von den Sätzen die in mir klebten wie in einer verkalkten Kaffeemaschine. “Was machst du eigentlich mit deinen eigenen Gedanken?” fragte mich eine Schauspielerin, und ich konnte es ihr nicht sagen. Ich wurde die Sätze so lange nicht los, bis mich eine rettende Krankheit ereilte. Im Fieber schwitzte ich alles aus, der Sprachmüll verließ mich durch die Poren. Meine Nächte waren wieder traumlos.

Naja, und zum schreiben war ich halt einfach zu faul.

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Sehnsucht nach dem Unwahrscheinlichen. Zitat 30

Betrachtet man die Leute vor ihren Computern, wie sie auf Tasten tippen und dabei auf den Bildschirm starren, dann erkennt man diese Sehnsucht, das Wahrscheinliche möge erscheinen. Aber dieser Aufbruch auf den Weg zurück zum Bild, zur Magie, zum Sachverhalt, zur Erscheinung (oder, wie Husserl sagte: „zurück zur Sache“) ist gruselig. Denn auf dem Bildschirm erscheinen nicht Schatten wie in der Höhle von Lascaux, sondern synthetische Gespenster. Wir suchen nach Wahrscheinlichem und finden nur Möglichkeiten.

Vilém Flusser, 1993.

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