Fundstücke aus Wolfgang Herrndorfs letztem Roman

Wolfgang Herrndorf: Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman, Berlin 2014.

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Und da habe ich unter den Büschen geschlafen und geträumt, dass ich unter Büschen schlafe und träume, und morgens, beim ersten Licht und Tau, bin ich schnell zurück durch das Fenster gestiegen und heimlich in meinem Bett erwacht. Das habe ich mir nicht eingebildet. Dafür gibt es auch Beweise. Und seitdem gibt es zwei Welten, die dunkle und die andere. Das ist jedenfalls meine Meinung, und ich muss wohl nicht dazusagen, dass die Ärzte anderer Meinung sind. (14)

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Aber dass es da keinen Unterschied gibt, kommt mir seltsam vor. Obwohl es so ist. Außer die Zeit macht einen Unterschied. Aber das stimmt nicht, denke ich, und ich denke, dass das falsch ist, was ich denke, und dann denke ich, dass mein Denken falsch ist und immer falsch gewesen ist, und ich schreie. (20)

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Bloß warum wir als Kinder alle so viel Angst vor dem Irren gehabt haben, weiß ich nicht mehr, denn wir wussten ja gar nicht, was das ist, ein Irrer. Und heute, wo ich es weiß, weiß ich auch, dass wir gar keine Angst hatten vor ihm. Sondern vor etwas anderem, von dem wir noch lange nichts wussten. (64) Weiterlesen

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Karl Ove Knausgård: Naturalismus that kicks ass!

TLTR – Für alle, die das notwendige Geschwalle am Anfang liebevoll überspringen wollen: Lest das lange Zitat am Ende, es lohnt sich!

Naturalismus ist kein neues Phänomen in der Kunst, aber vielleicht eines der spannendsten, die es zu erneuern gilt. Wenn es stimmt, dass eine der wichtigsten Aufgaben des zeitgenössischen Denkens die Neubestimmung des Begriffs »Natur« ist, wie etwa Levi Bryant behauptet, dann wird auch die künstlerische Form von dieser Renovierung beeinflusst sein und an ihr teilhaben müssen.

In meiner panegyrischen Besprechung von Boyhood habe ich schon ein paar Dinge dazu gesagt, jetzt habe ich das nächste Ding vor mir liegen, was mich diesen Neuen Naturalismus, der da im Umlauf ist, abfeiern lässt: Karl Ove Knausgård, Sterben, den ersten Teil seiner Autofiktion Mein Kampf. Natürlich hat der Titel gerade bei Hatern in diesem Land Unverständnis hervorgerufen und Knausgård das Label eines billigen Provokateurs verpasst. Das ist aber eines der zwei großen Missverständnisse, die sich, soweit ich sehe, um sein Mammutwerk (6 Bände à 600 Seiten) gebildet haben. Denn vieles an diesem Buch regt zum Widerspruch an, aber wenig, oder gar nichts, zum Widerstand. Knausgård erzählt sein Leben, die rekonstruierte Erinnerungsvision seiner Herkunft, in der er immer noch lebt, und er erzählt sie als einen Kampf, vor allem einen gegen seinen auf ganz normale Weise übermächtigen Vater. Und es ist eben nicht nur ein Kampf, sondern seiner, im Doppelsinne dieses Pronomens: Ein Kampf, den er führt, und ein Kampf, den er sich nach und nach aneignen muss – wie ein Objekt des Besitzes. Diesen schwierigen, allmählichen und immer bedrohten Triumph über die eigenen Heimsuchungen, nachzuverfolgen – das ist es, was diese Lektüre so ungemein bewegend macht. Weiterlesen

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Zitat 28

What’s great about this country is that America started the tradition where the richest consumers buy essentially the same things as the poorest. You can be watching TV and see Coca-Cola, and you know that the President drinks Coke, Liz Taylor drinks Coke, and just think, you can drink Coke, too. A Coke is a Coke and no amount of money can get you a better Coke than the one the bum on the corner is drinking. All the Cokes are the same and all the Cokes are good. Liz Taylor knows it, the President knows it, the bum knows it, and you know it.

- Andy Warhol

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Zitat 27

Wenn der Fluss langsam ist und man auf ein gutes Fahrrad oder ein Pferd bauen kann, ist es sehr wohl möglich, zwei Mal (oder auch drei Mal, je nach jedermanns hygienischen Bedürfnissen) in den selben Fluss zu steigen. Weiterlesen

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Frauen, die an Automaten spielen

altAlJM0W48dXEyNqwA7F-Y5-qmqbCptwTO_riEG6xTZUXlEs gibt gute Nachrichten: Ich habe beschlossen Erfolgsautor zu werden. Das Erfolgsrezept ist einfach. Man braucht nichts, keine Story, keinen Stil, nur eine Sache: Titel, die Relativsätze sind. An meinem ersten Coup, der von den Sitten und Unsitten der Provinz handelt, arbeite ich seit 6 Tagen und bin zuversichtlich, dass er noch rechtzeitig zum Beginn der Frankfurter Buchmesse im Oktober erscheint.

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Tod einer Legende

Heute ist wieder so ein Tag, an dem das Publikum deutscher Nachrichtenmedien mit Nachrufen über eine Person bombardiert werden, von der es noch nie etwas gehört hat. Diese Person ist die Komikerin Joan Rivers. Ich habe sie das erste mal vor vier Jahren bewusst wahrgenommen, in einem Hotelzimmer in den Staaten. Ich lag auf dem Bett und sah mit halber Aufmerksamkeit fern. Die Sendung, die mit viel Geblitze angekündigt würde, und die ich zu träge war auszuschalten, nannte sich Fashion Police, und ich erwartete nur das allerschlimmste. Moderiert wurde die Sendung von einer Frau mit kratziger Stimme, grässlichem Glitzerjackett und einem Gesicht, das nur noch ein einziges Silikonkissen war. Ich konnte nicht sagen, wie alt dieses Wesen war. Zwischen 35 und 95 war alles drin. Wider erwarten allerdings war ihr Gesicht sehr belebt. Es war eine merkwürdige Freude zu sehen wie sie das Plastik in ihrem Gesicht von einer Grimasse in die nächste quetschte, in der gleichen Geschwindigkeit mit der sie ihre bissigen Witze abschoss. Das war es nämlich auch: sie war witzig wie Sau. Über ein B-Sternchen in verunglücktem orientalischem Dress sagte sie: “She looks like a genie out of a Jim Beam bottle“. Ich war fasziniert. Weiterlesen

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Das Herz von Berlin

Unweit meiner Wohnung gibt es einen Asia-Imbiss. Er ist von innen klein, dunkel und etwas schmuddelig, rote Wände, Drachen, Buddhas, Winkekatzen. Serviert wird dort austauschbares Thai-Viet-China-Essen. Aus einigen Postern an der Wand, die in fremder Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben geschrieben sind, lässt sich schließen, dass die Inhaberin wohl Vietnamesin ist. Mit schnellen, strengen Augen wacht sie über ihre wechselnden Stammgäste, diese typische Westberliner Mischung aus Handwerkern und Arbeitslosen, die nie kommen um etwas zu essen, sondern wegen des Bieres und der zwei Glücksspielautomaten, die am Eingang stehen. Aus strategischen Gründen kann sie kein Deutsch. Doch, natürlich, sie kann Begrüßung und Verabschiedung, sie kann die Zahlen, “Zum Mitnehmen oder hier essen?“, “Bitte“, “Danke“,  viel mehr aber nicht. Und das nicht weil sie nicht die Fähigkeit dazu hätte. Nein, ich meine das ist ihr Mittel, um ihre Kunden unter Kontrolle zu halten. Jedes Belabern, jedes Anpumpen ist von vorne herein unmöglich. Als ich das erste Mal da war, fragte ich sie, ob ich mit Karte zahlen könne. “Speisekarte?” – “Nein, ob ich hier mit dieser Karte zahlen kann?” – “Speisekarte?” Ich hinterlegte meinen Personalausweis und ging um die Ecke Bargeld holen. Weiterlesen

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