mother nature is secretly a dude

Mein Alter Ego Ivory hat letzte Woche beim ersten Mülheimer Zukunftslabor der EG F KA diese Lecture-Performance gezeigt. Es geht um den Klimawandel, Ökologie ohne Natur, Technologie, Akzelerationismus, Schönheitsoperationen und Trash-TV. Die wunderbare Elena Friedrich hat die Kamera gemacht. Ivory und ihre Schwester Conica gibt es demnächst wieder live zu sehen bei “feelings from the future” am 3., 4., 5, und 7. Juni im Ballhaus Ost Berlin.

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Das Zukunftslabor: https://promlab.wordpress.com/
Timothy Morton: http://ecologywithoutnature.blogspot.de/
Das akzelerationistische Manifest: http://istinalog.net/2013/06/24/beschleunigungsmanifest/ Weiterlesen

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Wie in einem Dampfbad aus gehäkelten Rosenblüten

Was ist noch schlimmer als die Translation eines französischen Kunstfilms in Synchro-Deutsch? Die Übertragung literarischer Schriften aus Arabien in die deutsche Sprache.

Ich wünschte und glaube auch, dass die Short Stories von Zakaria Tamer aus Syrien, einem modernen Klassiker der arabischen Literatur, der Hammer sind, aber der Genuss bleibt beim Lesen seines Erzählungsbands “Frühling in der Asche” leider nur virtuell. Es mag schwieriger sein, literarisch aus dem Arabischen zu übersetzen als aus dem Englischen, aber warum zur Hölle muss ein arabischer Text immer so klingen, als sei ein senil gewordener Thomas Mann in ein Dampfbad aus gehäkelten Rosenblüten gesprungen?

In der Nacht war Rinda gestorben, und der Korsar hatte sich niedergebeugt und leidenschaftlich ihren kalten Mund geküsst. Dabei hatte er die Stimme des zornigen Windes gehört, überzeugt, dass Rinda jetzt auf dem Meeresgrund liege oder vielleicht ein Leichnam sei, der auf der Wasseroberfläche treibe. Doch sie hatte ein gutes Herz gehabt und hatte ihn nicht verlassen, sondern ihn auf geheimnisvolle Weise ans Ufer geleitet.

Hatte gehabt!? Das hatte ich das letzte Mal an der Kaisers-Kasse in Berlin-Friedenau gehört gehabt.

An sich macht der Übersetzer seine Sache ja gar nicht so schlecht. Ich erinnere mich jedenfalls, dass in Ghassan Kanafanis “Männer unter der Sonne”, einem der wichtigsten Bücher der arabischen Literatur überhaupt, ganze Passagen einfach nicht übersetzt wurden, und Nagib Mahfouz’ (Nobelpreis 1988) “Geschwätz auf dem Nil” klang, als ob der Übersetzer seinen Text beim Kacken auf Band gesprochen hätte. Trotzdem: Die Übersetzungen stammen aus dem Jahr 1987, solange ist das nicht her, und sie vertrügen eine gehörige Entschmockungskur.

Eigentlich folgen alle Erzählungen in “Frühling in der Asche” einem einheitlichen Muster: Sie beginnen mit einer naiven, mythologisch, idyllisch, orientalisch gefärbten Exposition, um sich dann in unerwartet unsymbolischer Gewalt zu entladen. Gewalt in ihrer äußersten Form, sozial und staatlich organisiert, individuell grausam in die Tat umgesetzt, verstümmelnd, tödlich, irreversibel. In einer Erzählung fährt ein Zug über einen kleinen Jungen. Der Junge wird zur Behandlung abtransportiert, die Beine bleiben auf den Schienen liegen. In einer anderen trifft ein bitterarmer Typ, der gerne mal einen Raki trinkt, ein Schaf, das ihm sieben Eimer voll Gold verspricht. Er geht zurück nach Hause, erzählt seiner Frau davon; erst glaubt sie nichts, dann reden sich beide in Rage, schmieden Pläne für die Zukunft. Abu Fahd kehrt zurück zu dem Ort, an dem er das Schaf treffen soll, wird aber auf dem Weg dahin von einem anderen Besoffenen abgestochen. Während der Besoffene neben dem sterbenden Abu Fahd hustet und kotzt, endet die Erzählung:

“Sieben Krüge voll Gold”, hörte er das Schaf sagen.
Viel Gold regnete herab; es glänzte wie eine kleine Sonne. Dann entfernte sich die Stimme allmählich.

Man kann nur vermuten, dass diese Brüche von Märchensimulation zur Splatter-Wirklichkeit im Original auch stilistisch nachvollzogen werden. Im Deutschen sind diese Brüche aber wie gesagt nur virtuell zu erfahren, nicht wirklich sinnlich zu erleben. Muss ich wirklich “des Nachts” schreiben, und müssen Leute, die etwas häufig tun, “es pflegen zu tun”? Und Leute, die etwas können, müssen die es unbedingt “vermögen”? Arabisch ist eine extrem ökonomische Sprache und funktioniert weitgehend parataktisch, warum wimmelt es dann im Text vor umständlichen Nebensatzkonstruktionen und warum werden zwei Sätze, die im Arabischen wahrscheinlich durch ein kaum wahrnehmbares “und” verbunden sind, nicht mal durch einen Punkt getrennt?

In Zeiten, in denen teigige Wohlstandsbratzen aller Altersklassen auf die Straße lechzen, um von der Horde geschützt auf sogenannte Werte abzuwichsen, die sie nicht einmal buchstabieren können; und in Zeiten, in denen den Advokaten der Betroffenen nichts anderes einfällt, als den dämlichen Slogan, “Islamismus hat ja nichts mit dem Islam zu tun”, durch die Gebetsmühle zu drehen – in solchen Zeiten wäre es schön, wenn wir ein paar mehr authentische Übersetzungen aus dem Arabischen hätten.

Bis es so weit ist, müssen wir uns anderswo umschauen. Zum Beispiel auf dem großartigen Blog “Arabic Literature in English”.

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Unterscheidungen 22

Avantgarde ≠ Elite

(via http://jungle-world.com/artikel/2015/13/51692.html)

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Unterscheidungen 21. Eitelkeit ≠ Narzissmus

Narzissmus ist ein die Persönlichkeit zersetzendes Gift und führt nicht zur Produktion. Ein Narzisst kann kein wunderbares Klavierkonzert schreiben, weil er vor der letzten Note in seinem Spiegelbild ersäuft. Eitelkeit dagegen kann einen Menschen aufblühen und sich großartig entfalten lassen, wie eine japanische Papierblume. Diese Menschen ziehen aus ihrer Ich-Besessenheit Ehrgeiz, Kraft und Produktivität.

Fritz J. Raddatz

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From Compton to Congress. Kendrick Lamars neues Album “To Pimp a Butterfly”

That’s crazy man. In my opinion, the only hope that we kinda have left is music and vibrations, lotta people don’t understand how important it is. Sometimes I be like, get behind a mic and I don’t know what type of energy I’mma push out, or where it comes from. Trip me out sometimes. 

Das höre ich am Ende von »To Pimp a Butterfly«, Kendrick Lamars neuem, vorgestern erschienenen Album, als ich eigentlich denke, dass nach so viel genialer Intensität nichts mehr kommen kann, aber dann doch noch was kommt – ein fulminantes, aus Interviews gebasteltes Totengespräch mit Tupac, in dem Kendrick seine eigenen prophetischen Ambitionen mit dem Street Wisdom der 1996 ermordeten Raplegende kontrapunktiert. Zu diesem Zeitpunkt liegen 75 Minuten dichtester Musik, Poesie und Vibration hinter mir, die wohl das beste sind, was die guten Kräfte des Hip Hop seit Madvillainy (2004) produziert haben.

Im Vergleich zu Kendricks letztem Album, das seinen Ruhm begründete, ist To Pimp a Butterfly sperriger, philosophischer, aufs erste Hören weniger einprägsam. Kein Song, der als Easy-Listener einschlägt. Aber auch keiner, der beim ersten Hören erstmal abstößt und das sagt schon viel, denn das passiert mir eigentlich bei jedem Album sonst.

Nach dem versifizierten und in vielschichtige West-Coast-Beats gesetzten Coming-of-Age-Roman good kid, m.A.A.d. city nun also eine Sammlung von erzählerischen Prosagedichten, skandiert von Sounds und Geräuschen, angereichert mit Zitaten aus der Ahnenreihe afroamerikanischer Geschichte, regelmäßig unterbrochen von Acapella-Einlagen, die das Erbe der Spoken Word-Tradition aufrufen. Die Überfülle an Einfällen, Verweisen, spielerischen Audio-Gimmicks, weirden Tricks und kleinteiligen Collagen wirkt nie im Geringsten aufgesetzt und Kendrick lässt das von ihm zusammengescharte Material derart vibrieren, dass aus Sinnlichem Übersinnliches wird. In Gil Scott-Herons Worten, der das Album wie ein halbsichtbares Gespenst bespukt, könnte man leicht abgewandelt sagen: He has more than the five senses. He has more than books can teach. Weiterlesen

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Zitat 33

If one wants to listen to Madonna, much preferring her to Stockhausen, or if one likes Campbell’ s soup cans and understands nothing of Picasso, and above all if one is bored to death watching Duchamp’ s urinal for the millionth time, there is a way out: one can claim that one likes Kitsch, Camp, and Pop – and will make a great impression too.

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Zitat 32

Was meint Zeichnen ? Wie kommt man dahin? Es ist der Akt, sich einen Weg durch eine unsichtbare Mauer aus Eisen zu bahnen, die sich zwischen dem befindet, was man fühlt und dem, was man vermag. Wie soll man diese Mauer durchqueren, denn es nützt nichts, fest dagegen zu schlagen, man muss diese Mauer untergraben und sie mit der Feile durchqueren, langsam und mit Geduld, nach meinem Dafürhalten.

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