Zitat 34

The popular Al Gore documentary about global warming, An Inconvenient Truth (2006), originally devised as a slide presentation, may have raised awareness of its viewers but it is more difficult to prove it has actually changed behavior, especially on any meaningful scale. Any individual efforts to recycle more and switch off unnecessary lights have been more than offset by transnational counter-efforts: for example, “[i]n 2012 the US energy company Exxon— the world’s largest oil producer—signed a deal with Russia to invest up to $500 billion in oil and gas exploration and extraction in the Arctic, in Russia’s Kara Sea” (Emmott non-pag.), while around that time the UK government issued nearly 200 new licenses to drill for gas and oil in the North Sea. Suggestions to repair the environmental damage by only filling in half of the kettle, using one rather than two sheets of toilet paper, or buying an electric car fail precisely due to the inability to distinguish between process and entity and to think across different scales without collapsing them into a (singular) human measure of things. Such suggestions position environmental and climate change as a matter of individual moral decisions one is obliged to take, while completely blanking out the scale of phenomena we are facing, phenomena such as the overexploitation of oceans, the loss of tropical rainforests and woodlands, the rise in atmospheric brown clouds as a result of wood burning and oil use, and the overconsumption of water (including so-called “hidden water”, i.e., water used to produce other things) and meat.

Joanna Zylinska, Minimal Ethics for the Anthropocene

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Das ist das Große, und darin kann man nicht leben

Karl Ove Knausgards Bücher sind nicht nur ein Ereignis, sondern vor allem Bücher über das Ereignis, nicht über ein Geschehen, sondern über die Tatsache, dass etwas geschieht, keine Bücher über das Was, keine Bücher über das Wie, sondern Bücher über das Dass.

Da das Ereignis keinen Anfang und kein Ende hat, sondern einfach ist und von keinem Ort her in die Zeit hineinfällt, haben auch Knausgards Bücher außer den ersten und letzten Seiten keinen solchen Anfang und kein solches Ende.

Sie haben keinen Anfang und kein Ende, und daher haben sie auch keine Einführung und keine Auflösung, keine Exposition und keine Konklusion. Sie führen nicht von A nach B, aber sie drehen auch A und B nicht einfach um, wie man es von langweiligen und kindischen postmodernen Spielerein mittlerweile zur Genüge kennt.

Anstatt lineare oder kreisrunde Texte zu sein (Texte, die so tun, als ob sie Texte wären, aber in Wirklichkeit gar keine sind), sind es wirkliche Texte: Texte, in denen alles im Voranschreiten rückwärtsgewandt ist.

Alles an diesen Texten ist reflexiv, so wie alles im Leben reflexiv ist. Weiterlesen

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In eigener Sache – Feelings from the Future

Sollte es Leser dieses Blogs geben, die nächste Woche in Berlin sind, und die ich nicht schon auf Social Media hiermit zugespammt habe, möchte ich euch gerne hierzu einladen:

Feelings from the Future

3., 4., 5.und 7. Juni 2015, 20 Uhr / Ballhaus Ost Berlin
http://www.ballhausost.de/produktionen/feelings-from-the-future/

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mother nature is secretly a dude

Mein Alter Ego Ivory hat letzte Woche beim ersten Mülheimer Zukunftslabor der EG F KA diese Lecture-Performance gezeigt. Es geht um den Klimawandel, Ökologie ohne Natur, Technologie, Akzelerationismus, Schönheitsoperationen und Trash-TV. Die wunderbare Elena Friedrich hat die Kamera gemacht. Ivory und ihre Schwester Conica gibt es demnächst wieder live zu sehen bei “feelings from the future” am 3., 4., 5, und 7. Juni im Ballhaus Ost Berlin.

***

Das Zukunftslabor: https://promlab.wordpress.com/
Timothy Morton: http://ecologywithoutnature.blogspot.de/
Das akzelerationistische Manifest: http://istinalog.net/2013/06/24/beschleunigungsmanifest/ Weiterlesen

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Wie in einem Dampfbad aus gehäkelten Rosenblüten

Was ist noch schlimmer als die Translation eines französischen Kunstfilms in Synchro-Deutsch? Die Übertragung literarischer Schriften aus Arabien in die deutsche Sprache.

Ich wünschte und glaube auch, dass die Short Stories von Zakaria Tamer aus Syrien, einem modernen Klassiker der arabischen Literatur, der Hammer sind, aber der Genuss bleibt beim Lesen seines Erzählungsbands “Frühling in der Asche” leider nur virtuell. Es mag schwieriger sein, literarisch aus dem Arabischen zu übersetzen als aus dem Englischen, aber warum zur Hölle muss ein arabischer Text immer so klingen, als sei ein senil gewordener Thomas Mann in ein Dampfbad aus gehäkelten Rosenblüten gesprungen?

In der Nacht war Rinda gestorben, und der Korsar hatte sich niedergebeugt und leidenschaftlich ihren kalten Mund geküsst. Dabei hatte er die Stimme des zornigen Windes gehört, überzeugt, dass Rinda jetzt auf dem Meeresgrund liege oder vielleicht ein Leichnam sei, der auf der Wasseroberfläche treibe. Doch sie hatte ein gutes Herz gehabt und hatte ihn nicht verlassen, sondern ihn auf geheimnisvolle Weise ans Ufer geleitet.

Hatte gehabt!? Das hatte ich das letzte Mal an der Kaisers-Kasse in Berlin-Friedenau gehört gehabt.

An sich macht der Übersetzer seine Sache ja gar nicht so schlecht. Ich erinnere mich jedenfalls, dass in Ghassan Kanafanis “Männer unter der Sonne”, einem der wichtigsten Bücher der arabischen Literatur überhaupt, ganze Passagen einfach nicht übersetzt wurden, und Nagib Mahfouz’ (Nobelpreis 1988) “Geschwätz auf dem Nil” klang, als ob der Übersetzer seinen Text beim Kacken auf Band gesprochen hätte. Trotzdem: Die Übersetzungen stammen aus dem Jahr 1987, solange ist das nicht her, und sie vertrügen eine gehörige Entschmockungskur.

Eigentlich folgen alle Erzählungen in “Frühling in der Asche” einem einheitlichen Muster: Sie beginnen mit einer naiven, mythologisch, idyllisch, orientalisch gefärbten Exposition, um sich dann in unerwartet unsymbolischer Gewalt zu entladen. Gewalt in ihrer äußersten Form, sozial und staatlich organisiert, individuell grausam in die Tat umgesetzt, verstümmelnd, tödlich, irreversibel. In einer Erzählung fährt ein Zug über einen kleinen Jungen. Der Junge wird zur Behandlung abtransportiert, die Beine bleiben auf den Schienen liegen. In einer anderen trifft ein bitterarmer Typ, der gerne mal einen Raki trinkt, ein Schaf, das ihm sieben Eimer voll Gold verspricht. Er geht zurück nach Hause, erzählt seiner Frau davon; erst glaubt sie nichts, dann reden sich beide in Rage, schmieden Pläne für die Zukunft. Abu Fahd kehrt zurück zu dem Ort, an dem er das Schaf treffen soll, wird aber auf dem Weg dahin von einem anderen Besoffenen abgestochen. Während der Besoffene neben dem sterbenden Abu Fahd hustet und kotzt, endet die Erzählung:

“Sieben Krüge voll Gold”, hörte er das Schaf sagen.
Viel Gold regnete herab; es glänzte wie eine kleine Sonne. Dann entfernte sich die Stimme allmählich.

Man kann nur vermuten, dass diese Brüche von Märchensimulation zur Splatter-Wirklichkeit im Original auch stilistisch nachvollzogen werden. Im Deutschen sind diese Brüche aber wie gesagt nur virtuell zu erfahren, nicht wirklich sinnlich zu erleben. Muss ich wirklich “des Nachts” schreiben, und müssen Leute, die etwas häufig tun, “es pflegen zu tun”? Und Leute, die etwas können, müssen die es unbedingt “vermögen”? Arabisch ist eine extrem ökonomische Sprache und funktioniert weitgehend parataktisch, warum wimmelt es dann im Text vor umständlichen Nebensatzkonstruktionen und warum werden zwei Sätze, die im Arabischen wahrscheinlich durch ein kaum wahrnehmbares “und” verbunden sind, nicht mal durch einen Punkt getrennt?

In Zeiten, in denen teigige Wohlstandsbratzen aller Altersklassen auf die Straße lechzen, um von der Horde geschützt auf sogenannte Werte abzuwichsen, die sie nicht einmal buchstabieren können; und in Zeiten, in denen den Advokaten der Betroffenen nichts anderes einfällt, als den dämlichen Slogan, “Islamismus hat ja nichts mit dem Islam zu tun”, durch die Gebetsmühle zu drehen – in solchen Zeiten wäre es schön, wenn wir ein paar mehr authentische Übersetzungen aus dem Arabischen hätten.

Bis es so weit ist, müssen wir uns anderswo umschauen. Zum Beispiel auf dem großartigen Blog “Arabic Literature in English”.

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Unterscheidungen 22

Avantgarde ≠ Elite

(via http://jungle-world.com/artikel/2015/13/51692.html)

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Unterscheidungen 21. Eitelkeit ≠ Narzissmus

Narzissmus ist ein die Persönlichkeit zersetzendes Gift und führt nicht zur Produktion. Ein Narzisst kann kein wunderbares Klavierkonzert schreiben, weil er vor der letzten Note in seinem Spiegelbild ersäuft. Eitelkeit dagegen kann einen Menschen aufblühen und sich großartig entfalten lassen, wie eine japanische Papierblume. Diese Menschen ziehen aus ihrer Ich-Besessenheit Ehrgeiz, Kraft und Produktivität.

Fritz J. Raddatz

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