Das Herz von Berlin

Unweit meiner Wohnung gibt es einen Asia-Imbiss. Er ist von innen klein, dunkel und etwas schmuddelig, rote Wände, Drachen, Buddhas, Winkekatzen. Serviert wird dort austauschbares Thai-Viet-China-Essen. Aus einigen Postern an der Wand, die in fremder Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben geschrieben sind, lässt sich schließen, dass die Inhaberin wohl Vietnamesin ist. Mit schnellen, strengen Augen wacht sie über ihre wechselnden Stammgäste, diese typische Westberliner Mischung aus Handwerkern und Arbeitslosen, die nie kommen um etwas zu essen, sondern wegen des Bieres und der zwei Glücksspielautomaten, die am Eingang stehen. Aus strategischen Gründen kann sie kein Deutsch. Doch, natürlich, sie kann Begrüßung und Verabschiedung, sie kann die Zahlen, “Zum Mitnehmen oder hier essen?“, “Bitte“, “Danke“,  viel mehr aber nicht. Und das nicht weil sie nicht die Fähigkeit dazu hätte. Nein, ich meine das ist ihr Mittel, um ihre Kunden unter Kontrolle zu halten. Jedes Belabern, jedes Anpumpen ist von vorne herein unmöglich. Als ich das erste Mal da war, fragte ich sie, ob ich mit Karte zahlen könne. “Speisekarte?” – “Nein, ob ich hier mit dieser Karte zahlen kann?” – “Speisekarte?” Ich hinterlegte meinen Personalausweis und ging um die Ecke Bargeld holen. Weiterlesen

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Nihilismus oder Konzession?

Beim Durchstreifen meiner in der Auflösung begriffenen Bücherregale stoße ich auf einen Text von Botho Strauß, schlage die erste Seite auf und lese im Anfang rum:

Der alte Schnee trägt noch die Masken der großen Wehe, die vor kurzem die Türen und Wege zufegte. [What!?] Auf dem weißen See sitzen die Angler vor ihren Eislöchern wie Gaukler, die ihre Kunststücke vergaßen. [Hm, not bad] Es wird auf nichts hinauslaufen. [Uh la la] All diese Seiten, Einsprengsel eines nie erzählten Romans, werden auf nichts hinauslaufen, wie das Leben selbst, Abschnitt und Stückwerk vom Endlosen.

Ach ja, der Nihilismus. Nach wie vor eine große Versuchung. Vieles spricht für ihn, wenig dagegen. Die Fluchtmöglichkeiten sind gering und die Aussichten märchenhaft, daher schwach: Religion, Kapitalanhäufung, Fitness, Kunstblase. Liebe, ok… ist aber dann doch nicht genug für ein Zusammenleben mit den meisten. Solidarität, schon eher, aber irgendwie zu abstrakt ohne konkretes politisches Ziel oder übergeordnet kollektives Interesse.

Dazu kommt aus intellektueller Sicht, dass der Nihilismus auch gar keine so einfache Haltung ist, wie man vielleicht glauben könnte. Nihilisten wurden lange öffentlich geächtet, akademisch ignoriert und leben in geschlossenen Gesellschaften auch heute noch gefährlich. Das Argument, man mache es sich mit dem Nihilismus allzu leicht, greift also nicht. Oder wenn überhaupt, dann nur in einer Plüschtiergesellschaft wie der BRD 2014, die ja wohl global gesehen eher die Ausnahme als die Regel ist.

Dazu kommt aus historischer Sicht, dass der Nihilismus nicht irgendwo im luftleeren Space schwebt, sondern an einem schmutzigen Haken in einem mäßig gekühlten Raum mit der Aufschrift Geschichte hängt. Frei zur Fleischbeschau und Weiterverarbeitung zusammen mit anderen vor sich hin modernden Oberkeulen wie Idealismus, Realismus und Kritizismus. Auch von ihm gibt es zeitgenössischere und weniger zeitgenössische Varianten und es bleibt die Aufgabe von Intellektuellen, den Nihilismus wie alles andere immer wieder auf die Schlachtbank-Höhe der Zeit zurückzuwuchten. Weiterlesen

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Lyrisches Synchronschwimmen auf yelp.de

Unglaublich dieses Internet.

1. Yelp-Userin, Joyce R.:

Das Stadtbad Mitte, das in den 30ern  gebaut wurde, war die erste und größte überdachte Schwimmhalle Europas. Das Badevergnügen beginnt für mich als absoluter Bauhausfan schon direkt in der historischen Eingangshalle.

Der diplomierte Ingenieur Carlo Jelkman hat ganze Arbeit geleistet, um den Berlinern und Berlinerinnen, im Herzen der Stadt, ein Badevergnügen in einem außergewöhnlich schönem Raum zu bieten.

Die Gestaltung eines Sichtschutzes für die Sauna überließ er dem Expressionisten Max Pechstein. Er fertigte für zwei Seitenwände des Duschraums je sechs farbige Fenster, auf denen Badeszenen dargestellt sind.

An diesem Badeort in der Gartenstrasse 5,  der für mich durch seine Glaswände und das Glasdach in der Schwimmhalle einerseits Offenheit, andererseits aber auch Zerbrechlichkeit und somit Vergänglichkeit symbolisiert, lasse ich gerne meine Seele baumeln.

2. Yelp-User, unbenannt

Ich freue mich schon wieder drauf, wenn die Schwimmhalle endlich öffnet. Super 50 m Bahnen zum schwimmen, Umkleiden sind sauber und ok, Duschen auch.
Die einzigen Nachteile sind, die beschissenen Föne, die zig 5 Centstücke schlucken, bis die Haare mal trocken sind, die vielen Kurse, die immer eine Einschränkung sind beim schwimmen und die Leute die sich nicht die Haare nass machen wollen (vor allen Dingen Frauen mittleren Alters) und dann auch noch quatschend nebeneinander schwimmen, wenns voll ist.
Aber ansonsten schöne Halle um wieder fit zu werden.

 

 

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Zitat 26

There is something suspiciously anti-competitive about the idea that [a cultural product] should go away just because it has bad values. It is an impulse akin to the hope that a politician you dislike will be indicted or caught with a person not their legal spouse, eliminating the need to actually beat them at the polls. This is an end run around figuring out why people like what they like. It suggests a lack of confidence that liberal values will be compelling and a wish to ignore the reasons that something retrograde can also be extremely popular.

The questions of good or bad, sexist or not sexist ignore a much more interesting line of inquiry. Why is it that people, including feminist authors like Jennifer Weiner and Roxane Gay, love “The Bachelor” franchise? There is a certain un-suppleness of mind in the idea that sexist content attracts only people who are on board with that sexism.

 – Alyssa Rosenberg

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Ein Revolutionär wider Willen

Lissabon, Demonstration

Antonio Tabucchis Jahrhundert-Büchlein mit dem wenig verheißungsvollen Titel: Erklärt Pereira ist mein mittlerweile fünftes erstes Buch, und was für eins.

Das Lesen von ersten Büchern ist ja immer ein besonderes Ereignis, umso schöner ist es, dass mein erstes italienisches ausgerechnet dieses sein durfte. Wie so oft regierte der Zufall: Ich ging in einen italienisch-portugiesischen Buchladen in Berlin-Mitte, schaute mir das Regal ein wenig an, quatschte mit dem Buchhändler, der mir Calvino andrehen wollte, aber eigentlich nur auf die nächste Zigarettenpause wartete, und kaufte schließlich: Antonio Tabucchi. Vielleicht weil mir der Name ganz gut gefällt. Vielleicht weil ich Lust auf was Neues hatte. Vielleicht weil ich schon unbestimmt Gutes von diesem 2012 verstorbenen italienischen Schriftsteller mit kultureller Zweitheimat Portugal gehört hatte.

Jetzt, nach dem Lesen, ist mein kleines Leben nicht nur um eine groß erzählte Geschichte bereichert, sondern ich denke zurück an meine anderen ersten Bücher und stelle außerdem fest, dass Tabucchi auf Platz eins einer Liste steht, von der ich erst jetzt erfahre, dass sie überhaupt existiert. Weiterlesen

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A Dream Within A Dream

Ari Folman, Regisseur des großartigen Animations-/Dokumentarfilms Waltz with Bashir hat einen neuen Film gedreht. Er nennt sich The Congress. Ich habe den Film gestern Nacht geschaut, als ich eigentlich schon viel zu müde dafür war. Meine Müdigkeit war von der Art, dass ich manchmal nicht wusste, ob ich noch müde war oder eigentlich schon schlief und dass jedes plötzliche Geräusch mir das Gefühl geben konnte, aus meinem eigenen Leben aufzuwachen. Das war, wie sich herausstellen sollte, genau der richtige Zustand, um diesen Film zu sehen. Der Film funktioniert nämlich nach dem genau umgekehrten Prinzip. Er funktioniert wie einer dieser Träume, aus dem man immer wieder aufwacht, nur um festzustellen dass man in einem neuen Traum gelandet ist. Wo diese ineinander verschachtelten Träume ein süßes, schreckliches, schwammiges Gefängnis bilden, bis einen die echte Wachheit erlöst.

Die Schauspielerin Robin Wright, bekannt als Love-Interest von Forrest Gump und Ehefrau von Francis Underwood, spielt sich selbst als Schauspielerin am Ende ihrer Karriere. Weiterlesen

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Ist eine Theaterprobe ein politischer Raum?

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Die Nachrichten in der letzten Wochen sind so deprimierend, dass alles, was ich hier auf diesen Blog schreiben könnte, mir nicht nur albern, sondern fast taktlos vorkommt. Wie Kichern in der Schweigeminute, schlechte Witze auf einer fremden Beerdigung. Ich will trotzdem ein paar Dinge zu einer Sache schreiben, die mir länger im Kopf herumgeht.

Teil unserer Gegenwart im Westen ist eine Sehnsucht nach gesellschaftlicher und politischer Veränderung, die immer lauter artikuliert, aber nie wirklich gestillt wird. In diesen Zusammenhang entwerfen viele Theaterschaffende – und zwar unabhängig von ihrer Ästhetik und ihrer Arbeitsweise – das Theater, im besonderen die Theaterprobe, als Gegenraum zur herrschenden Gesellschaftsordung, als Labor, in dem die Gegenwart auseinandergenommen und neue Arten des Zusammenlebens ausprobiert werden können. “Wie wollen wir leben?” ist die Frage die sich seit Jahren in unzähligen Paraphrasen durch die Programm- und Spielzeithefte windet. „Wir brauchen dringend neue Utopien“ ist ein weiterer Slogan, der die Theaterprobe zum Ursprungsort politischer Visonen veredeln soll. Weiterlesen

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